Brabbeln, Glucksen und Lachen

Ein Jahr, vier Länder, vier Babys

Ach wie süß, ach wie schön. Babys. So reizend und bunt sieht der neueste Naturfilm aus französischer Dokumentarfertigung aus - nur diesmal eben mit Menschenkindern. Vom ersten Schrei zum ersten Schritt beobachtet der Film vier Babys in vier verschiedenen Teilen der Welt. Hattie in San Franzisco und Mari Tokio, Ponijao in Namibia und Bayar in der Mongolei. Wie heißt die alte Fernsehregel nochmal: Kinder und Tiere gehen immer. Doch dieser Dokumentarfilm will mehr als nur verzücken. Er zwingt zum Nachdenken darüber, was in den reichen Ländern vergessen ist. Wie einfach es ist, groß zu werden.

Anders als etwa im amerikanischen Akademiker-Haushalt, wo die Mutter noch schnell im Ratgeber-Buch nachliest, was gute Eltern ausmacht - und Tochter Hattie die Natur vor allem im Bilderbuch erlebt. So tönt ein Elefant, machen die Eltern vorwedeln mit dem Rüsselarm und wiehern dabei wie ein Pferd.

Zuviel Spielzeug, zu wenig Natur

Am anderen Ende der Welt in Namibia. Ponijao und ihre Freunde wissen vermutlich, wie ein Elefant wirklich macht. Sie haben zwar kein Spielzeug, dürfen aber auch mal für sich sein und streiten. Szenen, die den weltbekannten Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo nachdenklich machen. Nicht so sehr der Filmblick auf die Kinder sondern auf die Erwachsenen in den reichen Ländern ist für ihn eine geradezu "schmerzhafte Erfahrung": "Das ist ein großer Gegensatz, dass in Afrika und in der Mogolei die Kinder eine Umgebung haben, wo sie das vorfinden, was sie für ihre Entwicklung brauchen. In unserer Kultur besteht eine große Neigung, den Kindern Dinge beizubringen, selbst Säuglingen. Oft Dinge, die sie eigentlich gar nicht wollen."

Ein Baby-Yoga-Kurs in San Francisco zum Beispiel. Gut gemeint, mag sein. Vielleicht aber auch Ersatzhandlung für andere Defizite. Was die Kinder wollen, fragt sowieso keiner. Die Erwachsenen wiegen sich zum Mutter-Erde-Song, Hattie rennt weg und rüttelt an der Tür. "Damit machen sich die Eltern das Leben schwer", hat Remo Largo beobachtet. "Sie versuchen ihren Kindern etwas zu geben, was andere Kinder, ältere und jüngere, viel besser können. Überspitzt formuliert: Auch die beste Mutter kann andere Kinder nicht ersetzen."

Zu sauber, zu kontrolliert

Zum Beispiel beim gemeinsamen Essen und Ausprobieren. Lustvolles Mantschen und Pantschen im Eingeborenendorf in Namibia, statt Versuchsanordnungen mit Banane im stillen US-Heim. Wo die Gesellschaft anderer Kinder fehlt wie bei Maris Eltern in Tokio, retten sich die Eltern in Kursprogramme. Sauber, kontrolliert, immer schön in Innenräumen.

Remo Largo hat da einen anderen Vorschlag: "Wenn man mit den Kindern in die freie Natur, den Wald geht, dann langweilen sich die Kinder nie. Wir wissen oft nicht genau, was sie da machen, was sie interessiert, aber das entspricht ihnen. Wenn man berücksichtigt, dass in den letzten 100.000 Jahren die Kindern im Freien, in der Natur aufgewachsen sind, dann ist es sicherlich so, dass ganz wesentliche Elemente ihrer Entwicklung eben nicht in einem Zimmer, Haus zu finden sind, sondern in der freien Natur."

So einfach und doch so schwer?

Was machen moderne Eltern stattdessen? Sie geben der kleinen Mari Lernspielzeug und lassen sie damit allein, ihr Frustanfall weckt Mitleid. Dabei braucht es nicht viel für elementare Erfahrungen, wie der Nomadensohn Bayar uns immer wieder vorführt. Etwa wenn er gelassen und neugierig reagiert, als ein ziemlich großer Ziegenbock zur offenen Jurtentür kommt und sein Badewasser schlabbert.

Ein Film über das Abenteuer Leben, der staunen lässt und ganz kommentarlos viele Fragen aufwirft. Die vier Kinder haben sich mittlerweile schon selbst im Film gesehen, sie sind ja auch schon vier Jahre alt. Der kleine Mongole Bayar meinte hinterher: "Ein schöner Film. Er zeigt den Himmel, den Wind und wie mein Bruder mich immer gehauen hat."

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