Coriolanus

Macht und ihr Missbrauch - Shakespeare modern

Für seine erste Regiearbeit hat sich Star-Schauspieler Ralph Fiennes ("Schindlers Liste", "Der englische Patient", "Der ewige Gärtner") einen harten Brocken vorgenommen: eine Leinwand-Adaption von Shakespeares Tragödie "Coriolanus". Fiennes spielt selbst die Titelrolle. Anders als Laurence Olivier und Kenneth Branagh versetzt er Shakespeare in die Moderne.

Rom, eine Stadt sozialer Extreme, im Ausnahmezustand: Das Volk hungert, es kommt zu Aufständen, die von General Caius Martius (Fiennes), Polizei und Armee gewaltsam niedergeschlagen werden. Gleichzeitig befindet sich Rom im Krieg gegen die guerillaähnliche Armee der Volsker unter Tullus Aufidius (Gerard Butler). Die Römer scheinen zu unterliegen, doch der führungsstarke, mutige Einzelkämpfer Caius kann die Stadt Corioles erobern.

Vanessa Redgrave als ehrgeizige Mutter

Fiennes kommt hier als martialischer Rambo daher: In einer Uniform, die an US-Soldaten im Irak erinnert, mit geschorenem Schädel - blutüberströmt schießt er im Häuserkampf um sich. Einen Zweikampf mit seinem Lieblingsfeind Aufidius gewinnt er. Für den Sieg in Corioles erhält er den Ehrentitel Coriolanus. Nach seiner Heimkehr soll er - so will es auch seine kriegerische, ehrgeizige Mutter Volumnia (Vanessa Redgrave) - Konsul im Senat werden. Dafür muss er sich die Unterstützung des Volkes sichern.

Coriolanus, politisch ungeübt, betrachtet dies als Anbiederung und unter seiner Würde. In einer Rede kann er seine Verachtung für das gemeine Volk nicht verhehlen, er wird aggressiv. Das Volk: in seinen Augen nur Krähen, die nach Adlern hacken. Zwei Volkstribune nutzen die umgeschlagene Stimmung, um gegen ihn mobil zu machen: Coriolanus sei ein Tyrann, der die Volksvertretung abschaffen wolle. Gemeinsam mit linken Aktivisten verhindern sie seine Wahl. Coriolanus wird als Volksfeind verbannt und verbündet sich mit Erzfeind Aufidius, um sich an Rom zu rächen - obwohl sich seine Familie in der Stadt befindet. Bitten, Rom zu verschonen, erhört er nicht.

Reiche, poetische, präzise Sprache

Als Coriolanus und Aufidius gegen Rom vorrücken, erscheinen seine Mutter, Frau und der kleine Sohn - das letzte Aufgebot, ihn umzustimmen. In einem großartigen Monolog fleht Vanessa Redgrave einen zunächst versteinerten Fiennes um Frieden und Versöhnung an - sie, die ihren Sohn zur Kampfmaschine gedrillt hat. In einer bewegenden Szene bricht Coriolanus' Panzer plötzlich auf, er kniet schließlich weinend vor der Mutter und beendet den Krieg. Ein Friedensvertrag wird unterzeichnet. Coriolanus steht zu seinem Wort und kehrt als Soldat zu Aufidius zurück. Doch der und seine Horde fühlen sich hintergangen und um ihre Beute betrogen. Sie greifen Coriolanus als Verräter an - in respektvoller Umarmung ersticht Aufidius ihn.

Der Film beeindruckt zuallererst durch die reiche, poetische und präzise Sprache Shakespeares und das exquisite Britisch von Fiennes und Redgrave (unbedingt im Original oder im Original mit Untertiteln ansehen). Die Worte aus dem 17. Jahrhundert wirken selbst dann nicht antiquiert, wenn ein Sprecher eines Nachrichtensenders sie über aktuelle Kriegsbilder legt. Ralph Fiennes, der den Coriolanus schon 2000 in London auf der Bühne gab, hat lange an der Aktualisierung des Stoffs gearbeitet. Sein "full-metal Coriolanus" (The Guardian) wurde in Serbien gedreht und die düsteren Bilder der umkämpften Gegend erinnern sofort an den Balkankrieg.

Bären-Kandidat

Doch Fiennes betont, es könne auch jeder andere blutige Konflikt sein: Irak, Tschetschenien, Naher Osten, Somalia. Der Held, ein komplexer Charakter - ist nicht eben sympathisch: brutal, ohne Mitgefühl, stolz, arrogant, kompromisslos. Doch gerade das hat Fiennes gereizt. Für ihn ist Coriolanus ein innerlich gefangener Mann, der seine menschlicheren Züge nie entwickeln konnte. Der Film fordert dem Zuschauer einiges ab und ist sicherlich nicht Jedermanns Fall.

Die moderne Inszenierung über Demokratie, Autorität, Macht und ihren Missbrauch zieht den Zuschauer mehr und mehr in ihren Bann und beweist einmal mehr: Shakespeare ist zeitlos aktuell. Auch wenn Fiennes hier bisweilen sehr an seine Rolle als Psychopath in "Roter Drache" erinnert - seine Leidenschaft für das Projekt ist in jeder Szene spürbar. Ralph Fiennes könnte ein Bären-Kandidat sein: Als Regisseur und als Hauptdarsteller.

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