Das Attentat und die Suche nach Antworten

Jostein Gaarder und andere über Oslo

Seit einer Woche spielen Oslos Musikstudenten ihr Requiem an der Fähre nach Utøya. Die Trauer ist persönlicher geworden, die 77 Opfer haben inzwischen Namen und Gesichter.

Blumenbouquet vor der Insel Utoya
Blumenbouquet vor der Insel Utoya Quelle: ZDF

Bano und Diderik zum Beispiel, die überlegt hatten, im Oktober zu heiraten. Und trotz der Trauer ist der Täter allgegenwärtig, so sehr man ihn auch ausblenden möchte. "Der englische Dichter John Donne hat gesagt: "Kein Mensch ist eine Insel. Ein jeder ist Teil eines Kontinents." Und so ist dieser Täter ein Symptom für einen weit verbreiteten Hass auf den Islam, denn viele Einwanderer in Norwegen sind Muslime. Und mancher bei uns sollte sich ein wenig schämen, weil er den Nährboden für diesen Täter bereitet hat", so der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder.

Das Böse wird gefährlicher

Noch immer sind die Spuren der Detonation noch sichtbar, die Norwegen am 22. Juli erschüttert hat. Doch es wird längst aufgeräumt in Oslo, überall im Stadtzentrum sind Glaser unterwegs. Der Regierungssitz muss womöglich abgerissen werden - das Attentat zerstörte die Statik des Gebäudes. Mehr noch aber fürchten die Norweger, dass die Statik ihrer Gesellschaft aus den Fugen geraten ist. Dazu Erik Fosnes Hansen, Literat: "Das Erstaunlichste ist für mich, dass dieser Mensch unter uns gelebt haben kann und doch so fern von uns gelebt hat".

Insel Utoya Norwegen
Anschläge Oslo Quelle: ZDF

Oslo auf allen Fernsehkanälen, Analysen und Interpretationen weltweit. Man sucht in dem Täter etwas Monströses, das der Ungeheuerlichkeit dieser Tat irgendwie entspricht. Hat Anders Behring Breivik damit sein Ziel erreicht, größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit für seine Mission zu schaffen? Erik Hansen glaubt nicht an Zensur, an Kontrolle: "Ich denke, das Böse wird weniger gefährlich, wenn so viele wie möglich sich damit beschäftigen. Also es muss hervorgebracht werden ans Tageslicht. Es muss analysiert, diskutiert und zerlegt werden".

Die Schrift des Attentäters

Manfred Schneider hat Breiviks Pamphlet sorgfältig gelesen, der Germanist hat sich jahrelang mit Attentätern und Anschlägen der Geschichte beschäftigt und in dem Buch "das Attentat" veröffentlicht. Die 1500 Seiten Schrift des Attentäters habe ihn beeindruckt und - erschüttert, sagt Schneider. Das seien gerade nicht die Gedanken eines Verwirrten, nicht einmal die eines Rechtsradikalen. "Ich glaube, man macht es sich zu einfach, wenn man das unter Wahnsinn abbucht. Die Gedanken die er da formuliert, die er kopiert, zitiert, sind - muss man sagen - aus dem Herzen konservativer Ansichten und Meinungen genommen", erklärt Schneider.

Breivik hatte sogar selbst ein martialisches Propaganda-Video ins Netz gestellt, um seine Mission zu erklären. Doch neben den ausdrücklich kriegerischen Passagen und Aufforderung zu terroristischen Taten beschäftigt sich seine Schrift in großen Teilen auch ganz allgemein mit dem Verfall alter Werte. Auf Seite 358 heisst es zum Beispiel der "radikale Feminismus hat die Familienstrukturen des Westens erheblich verletzt. Es ist unmöglich, die Geburtenrate auf ein Niveau zur Selbsterhaltung zu steigern, wenn Frauen und Männer nicht heiraten wollen".

Was können wir tun?

Doch was heisst das, wenn jemand durchaus verbreitete Ansichten zur Begründung einer terroristischen Tat macht? Worüber gibt das Aufschlüsse? "Es gibt insofern Aufschlüsse darüber, dass das konservative Unbehagen, das es gibt, nämlich über die Entwicklung der Moderne, Auflösung der Familie, traditionelle Kommunikationsstrukturen, die Auflösung der patriarchalischen Ordnung, all diese Dinge und mehr noch, dass dieses konservative Unbehagen auch einen Zug hat zur Gewalttätigkeit", so der Germanist Schneider.

Die Trauer in Oslo: Sie ist auch eine Demonstration gegen das gewaltsame Zurückzerren einer ganzen Gesellschaft in die Vormoderne. Und doch kann das Land nicht in Trauer verharren, sondern muss - trotz und wegen des Anschlags - über die Gedankenwelt des Täters reden. "Wenn sie unsere Zeitungen lesen, stoßen sie schnell auf einen Graben: zwischen den Menschen, die an das Gute und die Möglichkeit einer multikulturellen Gesellschaft glauben und jenen, die das komplett ablehnen. Aber wenn man nun nicht an diese multikulturelle Gesellschaft glaubt: Was tut man dann?", stellt Gaarder die berechtigte Frage.

Trauerfeier für Opfer der Anschläge in Norwegen
Anschläge Oslo Quelle: ZDF

Zensur ist keine Hilfe

Als Anders Behring Breivik sich von Oslo nach Utøya aufmachte, sah er sich selbst im Krieg. Seine Bluttat kann niemand mehr ungeschehen machen. Um so mehr ist es möglich und notwendig, verbal abzurüsten - ohne die Diskussion abzuwürgen. "Also keine Zensur, sondern ein Zurückhalten, ein Nachdenken darüber, was man schreibt, worüber man schreibt, wie man schreibt, bevor man 'Enter' drückt", fordert Hansen. Anders Behring Breivik kam aus der Mitte der Gesellschaft. Und die muss sich nun selbst befragen - nicht nur in Norwegen.

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