"Das darf nicht wahr sein!"

Warum die Fotografin Anja Niedringhaus immer wieder in Kriegsgebiete fährt

Ihre Bilder hat fast jeder schon einmal gesehen - und doch kennt man ihren Namen nicht, geschweige denn ihr Gesicht: Seit über 20 Jahren bereist die Fotografin Anja Niedringhaus Kriegs- und Krisengebiete.

Afghanischer Rebell in Bin Jawad/Libyen, März 2011
Afghanischer Rebell in Bin Jawad/Libyen, März 2011 Quelle: Anja Niedringhaus

Afghanistan im Juni: ein Hubschrauber kreist über einem Kampfgebiet. Die gefährliche Mission: Sie sollen verletzte Soldaten bergen. Der Hubschrauber wird immer wieder beschossen. Filmaufnahmen, die diese Szene zeigen, stammen von Anja Niedringhaus. Die Fotografin sitzt mit im Hubschrauber: "Wir sind angeschossen worden, als wir auf den Boden gegangen sind, sind sofort wieder hochgegangen, konnten den "Marine"-Soldaten nicht mitnehmen, sind zehn Minuten in der Luft gekreist und ich hab gedacht, 'Bitte, bitte, wir machen's nicht noch mal', und dann sind wir wieder reingeflogen. Da hab ich nur gedacht, 'Ich will nicht'. Aber ich kann ja nicht rausspringen. Und da ist dieses Foto entstanden. Wir haben den Marine rausbekommen. Da zittern einem schon die Hände, das war ganz knapp."

Eine Hoffnung für die Menschen

Der 21-jährige Soldat hat überlebt. Viele andere nicht. Die Fotografin Anja Niedringhaus zeigt das grässliche Gesicht des Krieges. Sie war in Afghanistan, immer wieder auch im Irak. In Lybien fotografiert sie die Angehörigen der Opfer. Nicht die Toten will sie zeigen - die Schrecken des Krieges zeigt sie in den Gesichtern der Überlebenden. Ihre Reisepässe sind wie eine Chronik der Krisengebiete dieser Welt. Sie fährt für die Nachrichtenagentur AP immer wieder an dieselben Orte. Warum macht sie das? Diese Frage könne sie nicht wirklich beantworten, winkt Niedringhaus ab.

Fotografin Anja Niedringhaus im GesprächIn Sarajewo hat sie angefangen, vor 20 Jahren. Schon damals waren ihre Kriegsbilder mehr als nur Dokumentation - sie sollten eine Aufforderung sein. Anja Niedringhaus: "Ich glaube, ich habe die Aufgabe - oder wir haben alle die Aufgabe - zu informieren. So gut und so ehrlich, wie wir können. Ich hab damals gedacht, man könnte vielleicht mit Fotos einen Krieg stoppen." Seitdem, seit 20 Jahren, hat Anja Niedringhaus jedes Jahr in Kriegsgebieten fotografiert. Oft ist sie für die Menschen vor Ort die Hoffnung, nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen zu werden. Sie zeigt den Krieg nicht abstrakt, ihre Bilder berühren.

2005 bekommt sie den Pulitzer Preis

Ihr Blick ist so nah an den Menschen, dass das Absurde plötzlich vorstellbar wird: Ein Soldat trägt eine "GI"-Puppe mit sich - als Talisman. Soldaten bauen einen irakischen Stadtteil mit Ziegelsteinen nach - um ihre Patrouille zu planen. Für ihre Fotos aus dem Irak erhält Anja Niedringhaus 2005 sogar den Pulitzer Preis. Sie hasst übrigens die Frage, wie das so sei als Frau in der Männerwelt des Krieges - sie könne sich keinen anderen Beruf vorstellen, auch wenn das für viele zuhause unverständlich scheint: "Was ich manchmal frustrierend finde ist: 'Ach Anja, warst du schon wieder da unten in Afghanistan, hat das denn immer noch kein Ende genommen?' Diese Ignoranz macht mich schon wütend. Schaltet man die Nachrichten ein, ist der Krieg da - der Krieg ist Bestand unseres Lebens."

Amerikanischer Marineinfanterist mit GI-Joe-Maskottchen als Glücksbringer - Falludscha, Irak, November 2004
Amerikanischer Marineinfanterist Quelle: Anja Niedringhaus

Doch es gibt für sie auch ein Leben ohne Krieg, einen Rückzugsort, um das Erlebte zu verarbeiten. Auf einem alten Forstamt bei Kassel lebt sie bodenständig und idyllisch mit Nachbarn, der Familie ihrer Schwester und deren Kindern. Und: Sie fotografiert neben den Kriegen auch wichtige Sportereignisse wie die Leichtathletik-WM und Wimbledon. Niedringhaus: "Ich glaube, das würde mich auch kaputt machen, wenn ich sagen würde, 'Ich gehe nur in Konfliktgebiete'. Ich glaube, man muss auch sehen, dass es andere Dinge im Leben gibt, um immer wieder, wenn man in solche Kriegsgebiete kommt, zu sagen 'Das darf nicht wahr sein, das darf einfach nicht passieren'."

Die Fotos zeigen: der Krieg ist noch da

Und genau das merkt man ihren Bildern an: Krieg ist nicht normal. Er macht fassungslos. Und er hat Anja Niedringhaus schon mehrmals fast das Leben gekostet: Vor einem Jahr, am 11. September, besucht sie mit einer Soldatenpatrouille ein afghanisches Dorf. Ihre Bilder entstehen wenige Minuten, bevor sie mit Handgranaten angegriffen werden. Die Fotografin muss ausgeflogen und operiert werden, noch heute spürt sie die Granatsplitter. Doch sie wollte zurück, auch jetzt, im Herbst 2011, in den nächsten Tagen, fliegt sie wieder nach Kabul. Vorher eröffnet sie in Berlin die Ausstellung mit ihren Bildern. Wenn sie den Krieg schon nicht direkt mit Fotos stoppen kann, will sie wenigstens zeigen: Er ist immer noch da.

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