Das Eigenleben einer Melkmaschine

Der Aktionskünstler John Bock bei den Alten Meistern

Der da so locker durchs Museum schlendert, heißt John Bock. Nicht einfach ein Künstler, eher ein Phänomen. Mit ihm zu den Alten Meistern zu gehen, heißt, auf eine Menge gefasst zu sein - ein Museums-Guide der etwas anderen Art. Einer, der ohne mit der Wimper zu zucken eine Venus von Tizian auf dem Canapé verschmachten lässt: "Nein, die interessiert mich gar nicht. Mich interessiert vielleicht die Orgelpfeife da, aber der Rest - vielleicht sollte ich mal die Landschaft anschauen. Nee, da ist nichts drin."

In seinen Filmen und Performances rupft John Bock unsere Wirklichkeit auseinander. Alltägliche Gegenstände entwickeln ein Eigenleben zwischen Splatter-Ästhetik und Existenzphilosophie. Bock macht Hunger auf Kunst - jenseits des Appetitlichen.

Es schleimt immer was

Ach ja, Kunst, was ist das überhaupt? "Kunst ist ein Angebot", meint John Bock, "man muss eigentlich nichts. Das ist ein Missverständnis, dass Kunst immer sagt 'du musst'. Das sagen vielleicht die Anderen. 'Du musst die Glühbirne auswechseln. Du musst den Flug erwischen, da und da sein.' Aber Kunst sagt eigentlich gar nicht 'du musst'. Das ist das Gute an Kunst. Sie arbeiten, die Künstler, aber sagen nicht, dass du was machen musst. Du kannst auch blind durchs Museum gehen. Das stört den Tizian gar nicht."

Eigentlich macht er Skulpturen. Die werden dann Teil seiner Filme. Skurrile Konstruktionen zwischen Melkmaschine und Bastelecke. Irgendwo schleimt sich immer was von Gefäß zu Gefäß. Oder es wird symbolträchtig gemetzelt, wie in dem Stummfilm "Im Schatten der Made". Eine Art Remake von Dr. Caligari - mit Beigaben von Rocky Horror-Show und Tarantino. Mit diesem Blick wird aus der Köpfungsszene von Rogier van der Weyden in der Gemäldegalerie ein echter Film: "Ich kann mir das wirklich vorstellen wie eine Kamerafahrt. Erst auf das Geköpfte, und dann mache ich einen Zoom in den hinteren Raum, wo sie dann speisen. Oder auf den Hund. Also, heute hätte man da richtig gemetzelt. Das ist ja ganz fein. Richtig professionell niedergestreckt."

"Machen, was man nicht so mag"

John Bock erklärt nichts. Auch nicht die Alten Meister. Hans Baldung Griens Bild "Pyramus und Thisbe" hat es ihm angetan. Die Story vom Geliebten, der sich umbringt, weil er denkt, die Angebetete sei tot. Shakespeare lässt grüßen. Nun steht sie kurz davor, sich in den noch warmen Dolch zu stürzen. "Pyramus und Thisbe" - ein Bild, das den Künstler - er hat einen großen Seesack dabei - spontan zu rotem Wollfaden und einer Schere greifen lässt.

Bock, der auch mal VWL studiert hat, fabuliert bei seiner Aktionskunst sinnentlastet über sich und seine Welt. Seine Performances sind Spektakel. Bock ist ein Getriebener. Wovon eigentlich? "Man möchte schon geliebt werden", sagt er. "Und wenn einige Leute sagen - und das auch berechtigt - 'das ist aber nicht so toll', und auch wenn sie das unberechtigt sagen, dann ist man auch geknickt. Aber das hält nicht lange an. Man versucht, sich immer selbst auszutricksen. Man versucht immer zu machen, was man eigentlich nicht so mag."

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