Das verdammte Alles und das drohende Nichts

Ein verstiegenes Stück, es kommen immer wieder Bergsteiger vor. Menschen, die besondere Entrückungserlebnisse suchen. Der Komponist ist Wolfgang Rihm, 15 Jahre hat er daran gearbeitet, am sechsten Dezember vergangenen Jahres, so erzählt er auf der Pressekonferenz, hat er alle Notizen weggeschmissen und von vorne angefangen, dann klappte es von ganz allein, die Musik flog ihm zu: Vertonungen von Gefühlszuständen. Schauplätze: Meer, Gebirge, Bordell und irgendein Weltabschiedsort.

Musik wie süßer Seim

Hauptfigur und Pate des Stücks ist Friedrich Nietzsche. Der hat sich häufig als zwiegespalten präsentiert, als Dionysos und als der Gekreuzigte, als Lebe- und als Schmerzensmann - und in dieser Doppelbelichtung bringt ihn Rihm auch auf die Bühne: Im Kahn der geliebten Cosima (Wagner) - im Stück heißt sie Ariadne - zurudernd, sich heillos in Begierde und Eitelkeit und Ariadnes rotem Faden verheddernd.

Mit einer eher apollinischen "besseren" Hälfte - genannt "ein Gast" - geht er in die Berge und in den Puff, auf die steilen Wege der Selbsterkenntnis und in die Niederungen der Lust. Rihm hat das bestrickend schön komponiert. Die Musik fließt wie süßer Seim, "Rosenkavalier" hoch fünf. Bewundernswert, altmeisterlich, sehr reflektiert, bis an die Grenze der Selbstgefälligkeit: " Seht, was ich alles kann". Luxusmusik, mit allen Wassern gewaschen, kostbar, ein bisschen dekadent.

Gezähmter Meese

Das schreit nach Akzentuierung, nach Widerstand, Widerspruch, zumindest nach humorvoller Unterwanderung. Der Text, auch Rihms Musik, lädt dazu ein. Mit viel Augenzwinkern, viel Selbstironie. Die Inszenierung von Pierre Audi nimmt leider wenig davon auf, sie ist feierlich, geschmackvoll und beliebig - oft eher unfreiwillig komisch. Und Jonathan Meese, der Berliner Maler und Aktionskünstler, der früher behauptet hat, nichts sei schlimmer als zu gefallen, scheint vom Saulus zum Paulus geworden. Salzburg hat auf den Provokateur besänftigend gewirkt.

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