Dein Land, mein Land

"Euro-Dissident" Leon de Winter über Euro-llusionen, Bürokraten und die europäische Seele

Das Ziel der Europäischen Union ist die Einheit des Kontinents - ferne Utopie oder nahe Zukunft? Eine Kontroverse, die nach der Griechenlandkrise aktueller denn je ist. Der holländische Schriftsteller Leon de Winter, der kürzlich in einem wüsten Pamphlet im "Spiegel" unter dem Titel "Zurück zur EWG" gegen das vereinigte Europa wetterte, plädiert für die Abschaffung des Euro und die Rückkehr zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

In der EWG wäre trotz der Zusammenarbeit die Verschiedenheit der einzelnen Länder bewahrt worden, meint de Winter mit nostalgischem Blick zurück: "Wir blieben, wer wir waren, hatten wunderbare Verträge miteinander und eigene Münzen. Das funktionierte! Was hat uns der Euro gebracht? Illusionen!" Die Griechenlandkrise zeige nur die logische Folge grenzenloser Gleichmacherei; der Mythos Euro ist zu Ende, so de Winter.

"Supranationale Bürokraten"

Ihn einen Europa-Skeptiker zu nennen, wäre zu harmlos. Er selbst bezeichnet sich als "Euro-Dissident". "Ich habe gewartet auf Leute, die wunderbare Reden im Fernsehen halten. Ich habe gewartet auf Leute wie Churchill, de Gaulle, die uns wirklich etwas geben. Ich hatte darauf gewartet, als neu geborener Europäer. Und es kam nicht! Was kam, war bürokratische, leere Unsinnssprache!" EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ist für ihn nur "der verlegene Belgier", seine Brüsseler Kollegen die neue "Priesterklasse supranationaler Bürokraten".

Herman van Rompuy
Herman van Rompuy Quelle: ap

Für wen arbeiten sie? Die politische Einheit Europas ist, so der Schriftsteller, pure Fiktion, eine fixe Idee Brüsseler Bürokraten, die jenseits jeglicher Realität liege. Nicht umsonst stoße sie bei den Bürgern auf Widerstand. De Winter wirft den politischen Eliten vor, sie hätten die Vereinigung Europas zu lange betrieben, ohne die verschiedenen Mentalitäten in den Mitgliedstaaten im Blick zu haben. Die Menschen im Süden hätten eben ein entspannteres Verhältnis zum Staat, zum Steuerzahlen und zur Arbeit als eher protestantisch geprägte Nordländer, wie die alte Handelsnation Holland und ihre Nachbarn.

Einheit müsste von Herzen kommen

Dass er dabei Klischees bedient, die man bisher vor allem bei nationalistischen Europagegnern findet, stört ihn nicht: "Ich will Holländer bleiben, Sie Deutscher. Was denken Sie, was die Griechen, Italiener oder Spanier wollen? Das sind stolze Völker! Europa ist ein geographischer Begriff, kein kultureller - außer wenn wir bis zu den Römern zurück gehen! Es geht am Ende mehr um die Kultur als um die Wirtschaft. Und das verstehen die Bürokraten nicht."

Überhaupt: Was an dem supranationalen Ideal, weg von Volk und Nation so herrlich sein soll, versteht er nicht. Grenzen gehören schließlich zur menschlichen Existenz: "Dein Land, mein Land - diese Ordnung ist das Tiefste und Elementarste, was uns zum Menschen macht." Die Einheit Europas kann nur erlangt werden, wenn sie aus seinem Herzen kommt, findet de Winter. Schlagworte reichten da nicht. Demokratie sei zwar ein Wort aus dem Griechischen - Chaos und Krise aber auch. "Was sind die europäischen Werte? Humanität? Dass wir zwei Mal im Jahr Ferien haben? Und wenn es über Humanität und Menschenrechte geht, was wollen wir dafür machen? Was ist der Preis für unsere Mission in der Welt? Wie weit gehen wir, oder ist das nur Rhetorik?"

Überleben als eine stolze Zivilisation

Leon de Winter fordert, Europa dürfe sich nicht mit seinem Wohlstand abschotten und die Armen der Welt aussperren. Schließlich hätten nicht zuletzt Jahrhunderte Kolonialgeschichte den Kontinent erst reich gemacht. Europa müsse aktiv werden, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden - denn Europa könne ein Vorbild sein, wie man eine Geschichte voller Blut und Schrecken hinter sich lassen könne. Es ist ein langer Prozess bis ein europäischer Einheitsgedanke in den Köpfen der Bürger angekommen ist. Das geht nicht von heute auf morgen und auch nicht durch das politische Konstrukt der EU.

Mehr Zeit fordert de Winter: "Aber lasst uns eine europäische Seele erfinden! Wenn wir eine solche Seele haben und wir von ihr mit Passion und Überzeugung getrieben werden, dann lasst uns auf diese Weise benehmen, nicht nur bei uns, sondern überall auf der Welt. Das ist die große Herausforderung für uns. Nicht die Diskussion über ein europäisches Grundgesetz - alles Unsinn! Es geht um das Überleben als eine stolze Zivilisation!"

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