Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger über seinen demenzkranken Vater

Der Vater ist dement. Diese Diagnose war für Familie Geiger eine Katastrophe - aber in gewisser Weise auch eine Befreiung. Nun wussten sie, warum ständig etwas schief ging - der Rasierapparat im Kühlschrank lag oder der Vater drei Hemden übereinander trug.

Arno Geiger: "Dann muss ich auch nicht mehr sagen: 'Hast du das gemacht?', sondern ich hab es einfach weggeräumt. Weil es ja auch nichts bringt, wenn ich zu ihm sage: 'Was ist da wieder passiert?'. Weil - er weiß es ja nicht. Er weiß es einfach nicht - und sagt mit vollem Recht: 'Ich war das nicht.' Ja, mit vollem Recht. Weil er es ja nicht weiß." Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat ein herzergreifendes Buch über die Krankheit seines Vaters geschrieben. Es heißt "Der alte König in seinem Exil" und handelt von einem tiefen, unheilbaren Heimweh.

Krankheit als Gefühl von Fremdheit

Zwischen Alpen und Bodensee, in Wolfurt in Vorarlberg liegt die Heimat des heute 85-jährigen August Geiger. Er wurde geboren als eines von zehn Kindern. Der Sohn von Obstbauern, katholisch geprägt. Mit 18 Jahren musste er in den Krieg, das war 1944. In der russischen Gefangenschaft wäre er fast gestorben. Nach seiner Rückkehr hat er die Heimat nie mehr verlassen. Er wurde Dorfschreiber, baute ein Haus oberhalb des Hangs, auf dem die elterlichen Obstbäume standen. Von der Welt draußen hatte August Geiger genug. Er wollte nicht einmal mehr in Urlaub fahren.


Arno Geiger: "Dass ihm das passiert, dass er in der Krankheit jeden Tag nach Hause will, weil er nicht weiß, dass er zu Hause ist, das ist, wie soll man sagen, eben auch ein ungnädiges Schicksal. Einfach, weil er nicht weiß, dass er da ist. Weil die Krankheit ein Gefühl von Fremdheit erzeugt." Es klingt merkwürdig, aber für Geiger ist die Demenz viel mehr als eine Krankheit: Sie ist ein Sinnbild für das moderne Leben - die Krankheit des Jahrhunderts: Die festen Strukturen sind verloren gegangen, auch die bäuerliche Welt, in der der Vater aufgewachsen ist. Unter der Oberfläche herrscht Verlorenheit.

Brücken zur Welt des Vaters

Arno Geiger: "So gesehen glaube ich, dass die Krankheit des Vaters den Hintergrund bildet. Dass ich Dinge sehe, das ist der dunkle Hintergrund, die der Spiegel braucht, damit man was darin sieht. Es ist für mich viel mehr als ein Buch über meinen Vater und dass er mit dieser Krankheit geschlagen ist, sondern es ist ein Buch über das Leben." Besonders anrührend ist, wie es Geiger gelingt, was unmöglich schien: Er kann eine Brücke schlagen und hinübergehen in die Welt des Vaters. Auch wenn dieser ihn nicht mehr erkennt, haben die beiden von neuem Freundschaft geschlossen. Es ist eben nicht so, dass die Krankheit den Charakter des Vaters zerstört hat.


Arno Geiger: "Ich hab das Gefühl, seine Erinnerungen sind verloren, aber sein Leben ist in ihn eingeschrieben und insofern sind die Erinnerungen indirekt noch da - das alles als Haltung. Das ist ein Mensch, der ist vom Leben gebildet, geprägt." Arno Geiger und sein Vater konnten der Krankheit durchaus Momente des Glücks abringen. Doch der Zustand des Vaters war wechselhaft, manchmal wurde er aggressiv, und das überforderte alle.

Zuneigung und Liebe

So entschied sich die Familie schweren Herzens, ihn in das im Dorf gelegene Heim zu geben. Dort blühte er wieder auf. Arno Geiger: "Wir haben das eh nicht leichtfertig getan, aber wir hätten es wahrscheinlich früher tun sollen, und wir hätten uns ein schreckliches Jahr erspart." Arno Geiger hat ein helles Buch geschrieben, voller Zuneigung und Liebe. Es ist von hoher literarischer Qualität. Vor allem aber lernt man viel über den Umgang mit der Krankheit.

Arno Geiger: "Heute sag ich: 'Ich geh mit.' Wenn er sagt: 'Ich gehe nach Hause', dann sag ich, 'Ich geh mit'. Dann sag ich: 'Jetzt regnet es noch und wir warten noch eine halbe Stunde.' Und dann gehen wir. Das bestätigt ihn in seiner Welt. OK, er will auch nach Hause. Das erzeugt Sicherheit, das erzeugt Ordnung." Die Krankheit kann er nicht ändern, sagt Geiger, aber seine Einstellung dazu. Angst ist jedenfalls ein schlechter Ratgeber. Sie hindert einen, zu sehen, was noch möglich ist.

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