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Der Comic ist erwachsen geworden

Der neue Trend zur Graphic Novel

Die Zeiten, in denen man sich nur hinter vorgehaltener Hand dazu bekennen durfte, als Erwachsener vom Comic-Fieber infiziert zu sein, scheinen vorbei. Noch vor gar nicht langer Zeit galten Comics in bildungsbürgerlichen Kreisen als Krebsgeschwür des Kulturbetriebs, als bunte Massenware für Kinder und geistig Minderbemittelte.

Der Berliner Zeichner Reinhard Kleist ("Castro", "Cash"), selbst einer der führenden Autoren der deutschen Comic-Szene, erinnert sich noch gut: "Früher war es so: Hast du Comics gesucht, ging man halt in dunkle Comicläden. In den Buchhandlungen gab es meist nur ein finsteres, unaufgeräumtes Regal, da waren dann die Comics drinnen. Jetzt gibt es Comic-Bücher, die es auch mal nach vorne auf den Bestsellertisch schaffen."

Komplexe Themen

Der Comic hat hierzulande in den letzten Jahren einen wahren Siegeszug erlebt. Klassiker des Genres wie Art Spiegelmans Holocaustparabel "Maus" oder "Persepolis" oder Marjane Satrapis Erinnerungen an ihre Kindheit im Iran haben dem Comic-Roman auch in Deutschland neue Leserkreise erschlossen. Selbst klassische Literaturverlage scheuen sich nicht mehr, Erzählungen in Bildern mit in ihr Programm aufzunehmen. Dabei haben die neuen Comics für Erwachsene, neudeutsch "Graphic Novel", kaum noch etwas mit kostümierten Superhelden oder sprechenden Enten im Matrosenanzug zu tun: Der Comic ist längst erwachsen geworden.

Reinhard Kleist, Bleistiftspitze der deutschen Comicszene, über den Trend zu Graphic Novels

Das Genre wagt sich an die komplexesten Themen: von politischen Reportagen über historische Darstellungen bis hin zur philosophischen Abhandlungen - es gibt keinen Stoff, der sich nicht auch in Bildern erzählen ließe. Dabei ist der Trend zur Graphic Novel eigentlich ein alter Hut. Bereits 1978 brachte der amerikanische Zeichner Will Eisner ("The Spirit") ein schmales Bändchen mit gezeichneten Kurzgeschichten heraus. Er war einer der Ersten, die sich den rigiden Format- und Story-Vorgaben der Verlage nicht weiter unterwerfen wollte. Auf dem Titel von "Ein Vertrag mit Gott" ließ er den Hinweis "Graphic Novel" drucken. Eisner wollte sich damit abheben von der schnelllebigen Massenware Comic. Seine Geschichten handelten nicht mehr von kantigen Helden mit Superkräften, sondern von einfachen Leuten mit alltäglichen Problemen.

Deutsche Comic-Szene

Längst hat sich auch in Deutschland eine vitale Comic-Szene etabliert, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Dazu gehört auch die Hamburger Comic-Künstlerin Isabel Kreitz ("Haarmann", "Die Entdeckung der Currywurst").


Sie sieht in Graphic Novels keine Gefahr für die herkömmliche Literatur: "Irgendwie gab's immer diesen Gefahrenruf, wenn ein neues Medium am Horizont erschienen ist", sagt sie. "Wenn sich die Herrschaften nicht daran gewöhnen können, dann kann ich ihnen auch nicht helfen. Ich kann nur sagen, wenn man mit Comic aufgewachsen ist und gelernt hat sie zu lesen, dann macht es eine große Freude. Wenn man nicht damit aufgewachsen ist, hat man große Probleme, weil man dieses Zusammenspiel von Wort und Bild richtig trainieren muss." Das Training lohnt sich. Und macht dabei noch großen Spaß.

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