Der dünne Lack der Zivilisation

Roman Polanskis Film "Der Gott des Gemetzels"

Sie geben sich locker, aufgeräumt, liberal, nehmen sich selbst - wie wohltuend! - nicht zu ernst - diese vier New Yorker Mittelstandsbürger, zwei Ehepaare, die sich treffen, um über einen Streit ihrer Kinder zu reden, bei dem einer der Kontrahenten zwei Zähne eingebüßt hat.

Jodie Foster, Christoph Waltz, Kate Winslet und John C. Reilly in "Der Gott des Gemetzels"
Jodie Foster, Christoph Waltz, Kate Winslet und John C. Reilly in "Der Gott des Gemetzels" Quelle: ,Constantin Film

Die Eltern vergewissern sich gegenseitig ihrer Großzügigkeit und Toleranz. Natürlich wissen sie den Vorgang einzuordnen. Könnte jedem passieren. Die Kinder, gut, vielleicht stecken sie in einer gewissen Entwicklungsstufe, die sie, älter werdend, ganz sicher überwinden werden. Die Menschheit ist ja auch zivilisierter geworden. Psychogenese folgt Ontogenese.

Ein Geplänkel, Sich-Belauern

Schließlich sind die Eltern Vorbilder, wie weit man es bringen kann: Sie sind Anwalt, Vermögensberaterin, Unternehmer, Schriftstellerin. Sie sind höflich und wohlerzogen, dem Schönen zugewandt, reden über Einrichtungsfragen und Rezepte. Aber irgendwie gibt es ein Misstrauen. Kein Argwohn, nur eine leichte Skepsis. Wie ehrlich ist der Small Talk?

Michael (John C. Reilly) und Penelope Longstreet (Jodie Foster)
Der Gott des Gemetzels Quelle: Constantin Film

Entschuldigen wollen sich die Eltern des kleinen Schlägers nicht, im Gegenteil: In ihrer Schilderung des Geschehens schwebt ein gewisser Vorwurf mit. Was nehmen sie sich heraus? Das Gespräch verliert seine Unschuld (falls es sie hatte), die Plauderei wird giftig, ein Geplänkel, Sich-Belauern. Es kommt zu Ausfällen, Ironien, Gehässigkeiten, bis sich Aggression und Hass nicht mehr zurückhalten lassen.

Bildungsbürgerliche Attitüden

"Der Gott des Gemetzels" - so der Titel des jüngsten Theaterstücks der erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatikerin Yasmina Reza. Allein im deutschsprachigen Raum wurde dieses Stück an 60 Bühnen gespielt. Die Uraufführungs-Inszenierung von Jürgen Gosch aus dem Jahr 2006 (mit Corinna Kirchhoff, Dörte Lyssewski, Michael Maertens und Tilo Nest) ist noch ab und zu am Berliner Ensemble zu sehen.

Kate Winslet als Nancy Cowen
Der Gott des Gemetzels Quelle: Constantin Film

Yasmina Reza ist eine gute Beobachterin, mitfühlend, aber unkorrumpierbar. Sie schwingt für eine Wahlkampfreportage mit Sarkozy das Tanzbein, aber sie macht sich nicht gemein. Sie ist distanziert wie eine Ethnologin, aber in ihren Beschreibungen entsteht ein abgründiger Groove wie in einem guten Jazzstück. Sie zieht ihren Opfern - uns - die Haut ab und macht sich einen Spaß daraus. Unsere Political Correctness, unsere bildungsbürgerlichen Attitüden, Allüren, Moden und Überspanntheiten gewinnen bei Reza überrealistische, fast klassische Größe. Deswegen passt auch der ironisch mythologisierende Titel.

Die Fronten wechseln

Kein Wunder, dass sich ein Klassiker des Kinos auf diesen Stoff eingelassen hat: Roman Polanski. Statt auf der Bühne findet das Gemetzel jetzt in einem engen Brooklyner Appartement statt. Dadurch gelingt noch eine Verdichtung und Intensivierung. Kate Winslet, Christoph Waltz, Jodie Foster und John C. Reilly spielen die New Yorker Mittelstandsgrößen mit einer souveränen Abgefeimtheit. Sie wechseln ständig Tempo, Emotion und Fronten: Paar gegen Paar, Männer gegen Frauen, alle gegen einen. Immer mehr Lebenslügen, Teppiche falschen Selbstverständnisses werden unter den Füßen der Schauspieler und Zuschauer weggezogen. Seltsam erschüttert verlässt man das Kino - und seltsam beschwingt.

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