Der Geschichten-Erkunder

Mario Vargas Llosa über den Nobelpreis und seinen neuen Roman

"Terror feliz" nennt er das - "glücklichen Terror": "In den 20 Minuten, die der Bekanntgabe folgten, hat sich mein Appartement in New York, wo wir gerade erst eingezogen waren, und dessen Adresse nur vier Freunde kannten, mit Menschen gefüllt, die ich im Leben noch nicht gesehen hatte. Wer hat ihnen gesagt, dass ich da lebe? Wie sind sie ins Haus gekommen? Ich weiß es nicht. Seit diesem Augenblick fühle ich mich bedrängt, belagert, verfolgt. Mein Arbeitsrhythmus hat sich in Luft aufgelöst ..."

Strenge Disziplin, diese gar nicht lateinamerikanische Tugend, hat Mario Vargas Llosa, Literaturnobelpreisträger 2010, von Jugend an. Mit 26 Jahren kam sein erster literarischer Erfolg: "Die Stadt und die Hunde", der Roman über seine Zeit in der Kadettenanstalt im Paris der 50er Jahre. Ein unerhörtes Arbeitspensum als Romancier und als Journalist hat er aufzubieten - sein Lebenswerk in Zahlen: sechzehn Romane, ein halbes Dutzend großer Buch-Essays, Theaterstücke und über tausend Zeitungsartikel.

Vargas Llosa erkundet Geschichten

"Mein Leben ist völlig um das Schreiben herum organisiert", sagt Vargas Llosa. "Ich höre nie auf zu schreiben. Selbst im Urlaub schreibe ich, der Urlaub ist das Gegenstück zu meiner Arbeit. Das gibt mir Gleichgewicht." Urlaub ist für ihn die Fortsetzung der Arbeit unter anderen Bedingungen: Erkundungen zu einem Thema, das ihn seit geraumer Zeit beschäftigt. "Da war ein Zitat in irgendeinem Buch", erinnert er sich, "da hieß es, Leopold II. von Belgien müsste in den Geschichtsbüchern erscheinen wie Hitler oder Stalin, als einer der großen Völkermörder. Ich dachte: Wie kann ein ernsthafter Autor eine so monströse Übertreibung niederschreiben? Und ich beschloss, diese Geschichte zu erkunden."

Literatur-Nobelpreis für Vargas Llosa

Es wurde der neue Roman: "El sueno del celta"/"Der Traum des Kelten", die abenteuerliche und tragische Lebensgeschichte des Iren Roger Casement. Er will zivilisatorischen Fortschritt in den Kongo bringen, das riesige Gebiet, das damals Privateigentum Leopold II. von Belgien ist. Er findet unvorstellbare Brutalität, Zwangs- und Sklavenarbeit. Wer seine erpresste Arbeitsleistung nicht bringen kann, wird gnadenlos bestraft, verstümmelt. Casement beginnt die Schrecken zu dokumentieren. Für diesen berühmt gewordenen Casement-Report erhält er in London den Titel 'Sir'.

Recherche im Kongo

Vargas Llosa bewundert Casement: "Er unternimmt etwas Unmögliches, völlig verrückt. Als kleines Rädchen in diesem riesigen Apparat mit tausenden Beteiligten, entscheidet er: Dagegen werde ich kämpfen." Der lange Kampf gegen den Kolonialismus macht ihn zum militanten irischen Patrioten. Aber Roger Casement endet tragisch. Als Freiheitskämpfer gescheitert, als Schwuler verleumdet, wird er von den Briten wegen Hochverrats gehängt. Erst 50 Jahre danach wird er in seiner inzwischen unabhängigen irischen Heimat beigesetzt.

Der Autor recherchiert auf den Spuren seines Helden. Er findet die Trümmer von Roger Casements frühen Träumen. An seinen Einsatz für Freiheit und Menschenrechte erinnert nichts. Und plötzlich findet sich Vargas Llosa in der Rolle seines Protagonisten: "Den schrecklichsten Augenblick habe ich im Kongo erlebt: Eine Szene wie aus Dantes Inferno. So, wie sie Casement sicher erlebt hat. Hunderte, vielleicht tausende von Flüchtlingen auf dem steinigen Boden hingestreckt, zu schwach, die Fliegen vom Mund zu verscheuchen. Und da sagt ein kongolesischer Arzt, der mich durch das Lager führt: 'Was Sie hier sehen, das ist nicht gar nichts. Das Schrecklichste in diesem Land sind die unendlich vielen Frauen, Mädchen, Greisinnen, die vergewaltigt werden.' Und als er das sagte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Es war ein Augenblick, den ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde." Und er fügt hinzu: "Ich werde immer schreiben. Der Tod wird mich mit dem Stift in der Hand treffen."

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