Der gezähmte Zyniker

Michel Houellebecqs neuer Roman

Michel Houellebecq - Frauenfeind, Islamhasser, Reaktionär. Und ewiger Provokateur. Er hatte viele Feinde. Und jetzt - ist er tot. Der Schriftsteller und sein Hund: brutal ermordet. Die Leichen in Scheiben zerlegt. Ein Ritualmord, der selbst hartgesottenen Forensikern das Blut in den Adern gefrieren lässt - so passiert in Houellebecqs neuestem Roman.

Man meint das Vergnügen zu spüren, dass er beim Schreiben dieser Szene empfunden hat. Oder? "Nee, eigentlich nicht", sagt Houellebecq, zusammengesunken in seinem Parka. Wir sitzen im Park des Berliner Technikmuseums: "Na ja, ein bisschen schon. Die Szene ist ja nicht ... also so richtig lustig? Ich fand die Karikatur von mir selbst lustiger. (lange Pause) Nein, ich kann nicht sagen, dass das Spaß gemacht hat." Dann ein Blick nach oben, im Hintergrund fährt die S-Bahn vorbei: "Ahh, schön, dieses Eisenbahngeräusch!"

"Pfff", pfeift es aus dem Schriftsteller

Okay, war eine blöde Frage. Houellebecq spielt im Roman ja auch nur eine Nebenrolle. Eigentlich geht es um Jed. Jed ist Künstler. Er fotografiert - Dinge wie Schrauben. Bis er eines Tages eine Entdeckung macht: die Schönheit von Landkarten. Die Karte, stellt Jed fest, ist viel schöner als das tatsächliche Gebiet. Mit Fotos von Michelinkarten wird er zum Geheimtipp im Pariser Kunstbetrieb. Den persifliert Houellebecq süffisant: "Pfff", pfeift es aus dem Schriftsteller. Anscheinend ist er anderer Meinung: "Geht so", ringt er sich noch ab, "ich weiß nicht, es gibt schon komische Passagen im Buch, aber ich finde die Szene mit den Stars der Fernsehszene viel lustiger, als die Szenen aus dem Kunstmilieu. Die sind eigentlich ... ,ja, die sind eigentlich eher realistisch."

Wahre Freunde können miteinander schweigen. Wer mit Michel Houellebecq spricht, muss Pausen aushalten können. Lange Pausen. Sehr lange Pausen. Zeuge werden, wie der Schriftsteller eine Zigarette zwischen kleinen und Ringfinger der rechten Hand schiebt, um sie dann mit ausladender Bewegung in den gegenüberliegenden, also linken Mundwinkel zu schieben. Mitansehen, wie er mit den Schneidezähnen den Filter massakriert ...

Den alten Furor sucht man vergebens

Das ist also Michel Houellebecq. Der in Swingerclubs ein- und ausgeht. Der Autor von "Elementarteilchen", der Schöpfer von Protagonisten wie Bruno, der von Leidenschaft getrieben über 400 Seiten lang an nichts als ans Vögeln denken kann. Der Skandalautor. Hat er sich vielleicht vorgenommen, nicht mehr zu provozieren? "Nicht wirklich," nuschelt Houellebecq. "Weil - man weiß ja nie so genau, was provoziert und was nicht."

"Karte und Gebiet", sein neuestes Buch, ist Künstlerbiographie, Thriller und ein bißchen Selbstporträt. Die Romanhelden leben, altern und sterben - einsam. Provozierend ist das nicht. Leider. Den alten Houellebecq'schen Furor sucht man vergebens. Aber es ist unterhaltsam. Der Mensch, der Markt, die Dinge verschwinden. Am Ende bleibt nur die Vegetation. Im Tenor melancholisch, im Ton heiter, schreibt Houellebecq über Tod und Vergänglichkeit. "Das ist das Problem", sagt Houellebecq, der plötzlich zum Leben zu erwachen scheint, "die Leute interessieren sich immer für das Thema. Und das ist total zweitrangig." Er kichert. "Es geht um die Beziehungen. Das Wichtige an einem Roman ist das, was sich zwischen den Personen abspielt."

Houellebecq genießt Kultstatus

Jed, der Künstler, wird am Ende reich und berühmt - mit Porträts in Öl. Er malt Escortgirls, aber auch Jeff Koons und Damian Hirst, Beate Uhse mit ihrer ersten Aktie und - den Schriftsteller Michel Houellebecq, der einzige Mensch, für den er so etwas wie Freundschaft empfindet. "Sein Haar war zerzaust und schmutzig", beschreibt er ihn im Roman, "das Gesicht vom Alkohol gerötet. Er stank ein bisschen, aber nicht so stark wie ein Kadaver. Er glich einer alten, kranken Schildkröte."

Interview beendet. "War der Wein okay, Monsieur Houellebecq? Oder total ungenießbar?", frage ich noch. "Nein, nein, der ist gut", kommt es artig zurück. Ob er noch ein Stück Salami möchte? "Nein, danke, ich habe ein Problem mit den Zähnen, ich kann nichts Hartes essen. Aber danke, sehr aufmerksam." Er lächelt! Bei der Buchpremiere am nächsten Tag im Babylon in Berlin drängeln sich die Menschenmassen. 30 Sekunden, nachdem er geöffnet wird, ist der Saal voll. Schneller, als man eine Antwort von Houellebecq bekommt. Viel schneller. Keine Frage: Der Mann genießt Kultstatus. Übrigens: Der Mord an Houellebecq wird im Roman aufgeklärt ...

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet