Der Mensch, die böse Marionette des Wollens

Der Philosoph Arthur Schopenhauer starb vor 150 Jahren

Ist der Mensch wirklich ein edles Geschöpf, das nach Gutem und Edlem strebt? - so fragte er. Und stellte fest: Das "Gute im Menschen" ist nichts als ein frommer Wunsch. Und überhaupt - der Mensch ist ein Opfer seiner Triebe. Das bisschen Grips, das der Mensch dem Tier voraus hat, setzt er bewusst für dummes und grausames Tun ein. Das Dilemma unserer Zeit sah der Philospoh mit dem wilden Haarschopf also schon im 19. Jahrhundert voraus.

Was hat das gemeine Hausschwein mit deutscher Philosophie zu tun? Oder der Pudel? Mit dieser Frage hat Arthur Schopenhauer einen Brandsatz ins abendländische Denken geschleudert. Das Tier ist bei ihm dem Menschen ebenbürtig. Der Pudel-Liebhaber Schopenhauer hält die Glorifizierung des Menschen zu einem Elitewesen für einen lächerlichen, selbstverliebten Irrtum.

Mit dem Tier auf Augenhöhe

"In der ganzen europäischen Philosophiegeschichte wurde der Mensch ja von anderen Wesen dadurch unterschieden, dass er Vernunftwesen sei. Und für Schopenhauer ist er im Wesentlichen eben ein triebbestimmtes Wesen", sagt der Philosph Robert Zimmer. "Und die Vernunft ist, wie er sagt, nur ein Epiphänomen, also ein Beiwerk, das noch hinzukommt, das aber im Grunde genommen keine große Rolle spielt." Tierschützer sollten vor diesem philosophischen Radikalen auf die Knie fallen. Des Philosophen Zimmers brillantes Schopenhauer- Buch überrascht mit hochaktuellen Entdeckungen. Der gemeine Mensch habe, so, der Philosoph, keinerlei Recht, dem Tier ein Leid zufügen. Er sollte sich unprivilegiert, bescheiden, auf Augenhöhe benehmen.


"Schopenhauer hat vehement dagegen Stellung genommen, dass man Natur und auch Tiere nur als nützliche Dinge ansieht, die man verwendet oder ausbeutet", so Zimmer. "Für ihn war das Tier auch ein Wesen, das eigene Rechte hat. Insofern ist er der Vorläufer einer modernen Tierethik und auch Umweltethik." Leidenschaften, Triebe, auch zerstörerische Lebenskräfte - Schopenhauer nennt das alles "Wille" - hetzen den Menschen durch sein Dasein. Er ist nicht Herr in seinem eigenen Haus. Vor fast 200 Jahren hat Schopenhauer damit eine Wahrheit ausgesprochen, die später von Freud bis zur Moderne zu einer Selbstverständlichkeit wurde. Schopenhauer ist der kalte Diagnostiker, der mit der Illusion vom guten Menschen und einer wohlgeordneten Welt bricht. Der Mensch ist für ihn eine Marionette des Wollens, eine böse Marionette - mit dem Talent zu Gier, Leid und Zerstörung.

Kein Plan, keine Vernunft in der Welt

"Für Schopenhauer ist ja der Mensch das einzige Wesen, das grausam sein kann, das bewusst anderen Wesen Schaden zufügt, das also das bisschen Vernunft, das er hat und das ihm sozusagen geblieben ist, auch noch so anwendet, dass er anderen Schaden zufügt", erklärt Zimmer. Schopenhauers Botschaften sind unangenehm. Es sei Zufall sagte er, dass wir vom Affen abstammen, Darwin vorwegnehmend. "Ganz zufällig" könnten wir auch als "intelligente Pudel" herumlaufen.

"Für Schopenhauer ist es eine Welt, in der eine ungeordnete, ziellose Energie herrscht, die kein anderes Ziel hat, als sich selbst fortzuzeugen. Da steht kein Plan dahinter und auch keine Vernunft", weiß Zimmer. Den allgemeinen Vorstellungen vom lieben Gott und einem moralisch handelnden Menschen hält er die Tristesse vom Alles-Zufälligen entgegen. Die Aufklärung bezichtigt er der Illusion. Und unser Leben nennt Schopenhauer ein ödes Pendeln zwischen Schmerz und Langeweile. Das Glück: eine Illusion!

Alles Glück nur vorläufig

"Er sagt, alles Glück ist zunächst mal trügerisch", so Zimmer, "denn unsere Existenz ist ja im Grunde Leiden. Und alles, was wir an Lust und Freude empfinden, führt letztlich zu neuem Leid. Das heißt, alles Glück ist nur peripher ist und nur vorläufig, ist nur kurzweilig." Schopenhauers großes Thema: die Langeweile, die "Seuche". Weil es im menschlichen Leben partout keinen Sinn gibt. Die Langeweile also muss vertrieben werden. Als es die Vergnügungsindustrie noch nicht gab, hat der Philosoph die Sucht danach bereits philosophisch bewiesen.

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