Der Neue Romantiker

Dramatiker des Jahres: Nis-Momme Stockmann

Machen Inseln kreativ? Nis-Momme Stockmann ist auf Föhr geboren. Seine Theaterstücke haben Titel wie "Kein Schiff wird kommen" oder "Das blaue, blaue Meer". Das Meer, von dem in den Stücken erzählt wird, ist allerdings grau und langweilig. Es wird nicht von Piraten befahren, sondern von Fähren mit Touristen - die begeistert die Begrenzungssteine rechts und links der Fahrrinne für junge Robben halten.

Das ist der Trick des Meeres und des Dramatikers Stockmann: Das Grau, der weite Blick - das wirkt wie eine Projektionsfläche und mobilisiert die Phantasie. Nis Momme Stockmann ist hier groß geworden: "14 Jahre lang Küste, 14 Jahre lang Dünen, 14 Jahre lang Reet". Eine Schule der Einsamkeit, aber auch ein Schule der wahren Empfindung.

Publikum begeistert, Kritik schwärmt

Stockmann war Außenseiter, nicht Mitglied bei der Jugendfeuerwehr, nicht bei der Landjugend. Sobald es ging, verließ er die Insel und versuchte nachzuholen, was er bisher verpasst hatte ("Der Mann, der die Welt aß", so hieß später sein erstes Stück). Er besuchte das Gymnasium der dänischen Minderheit auf schleswig-holsteinischem Festland, er studierte in Hamburg Sprache und die Kultur Tibets, in Odensee Medienwissenschaft, machte schließlich eine Ausbildung zum Koch und nach alledem lernte er Szenisches Schreiben an der UdK Berlin.

Seine ersten Veröffentlichungen waren dann mehr als Talentproben, Stockmann erspielte sich auf Anhieb die Aufmerksamkeit und die Zuneigung von Publikum und Kritik. Ein "sanfter Komet" sei über dem deutschen Theatermarkt aufgegangen, schrieb der sonst nicht zum Schwärmen neigende Kritiker der FAZ, Gerhard Stadelmaier. Stockmann war im Kulturbetrieb angekommen, bekam einen Werkauftrag des Berliner Theatertreffens, Preise beim Heidelberger Stückemarkt, eine Einladung zu den Mühlheimer Theatertagen, zur Zeit ist er Haus-Autor des Frankfurter Schauspielhauses.

Ohne Angst vor Emotionen

Was ist das Geheimnis seines Erfolges? Intensität. Prägnanz. Direktheit. Seine Texte sind aufgeladen von Emotion. Stockmann riskiert große Gefühle, ohne Angst vor Sentimentalität, große Fragen, ohne Angst vor Feierlichkeit. Das Entscheidende: Er ist witzig, das schützt ihn vor falschem Pathos. Es gibt viele Brüche in seinen Texten, aber keinen Zynismus. Dazu kommt: Stockmann hat eine unheimliche Empathie, also ein großes Einfühlungsvermögen - und er kann schreiben: psychologisch ausgefeilte Szenen in klassischer Dramaturgie genauso wie die heute so beliebten Textflächen. So entsteht ein neuer, ganz spezieller Ton. Der hat etwas von einer Neuen Romantik.


Zweiter Zettel

Ein Leben lang auf der Suche
Nach einem zwingenden Gedanken
Zu dem das Herz und der Verstand
"Ja" sagen.
Und der uns trägt
Durch Krieg und Sturm
Durch das, was wir sind, und das was wir wollen
Etwas mehr als das prinzipielle Weitermachen
Aus Angst
Vor dem Nicht weitermachen

(aus: "Die Ängstlichen und die Brutalen")

Gebrochener Kitsch

Klar, das ist nahe am Kitsch, nicht unsympathisch, aber etwas selbstgestrickt, naiv, ein Gedicht eines alten Mannes, dem man alles zutraute, aber nicht, dass er Gedichte schreibt. Diese Brechung ist Stockmanns Trick. Der Kitsch berührt auch deswegen, weil, wenn der Vorhang hochgeht, der alte Mann schon nicht mehr lebt. Er ist das stumme Zentrum des neuen Stückes von Stockmann, "Die Ängstlichen und die Brutalen", das am 12. November am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde.

Es erzählt von zwei Brüdern, die vom plötzlichen Tod ihres Vaters überrascht werden. Was ist zu tun - mit dem gekrümmten und voll geschissenen Leichnam in dieser erbärmlich zugemüllten Wohnung? Und mit ihrem eigenen verpfuschten Leben?

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