Der Sarkophag von Tschernobyl

Andrej Krementschouks Bilder aus der Todeszone

Wie sieht eine Region aus, die vor 25 Jahren vom Super-Gau betroffen war? Wie leben die wenigen zurückgekehrten Menschen dort? Eine Frage, die angesichts eines vielleicht noch dramatischeren "größten anzunehmenden Unfalls" in Japan gespenstisch aktuell wird.

Andrej Krementschouk ist ein junger russischer Fotograf, der seit drei Jahren in der verstrahlten Region, der "Todeszone" im 30 Kilometer-Umkreis des Sarkophags von Tschernobyl fotografiert. "Ich wollte nie nach Tschernobyl fahren", sagt er im aspekte-Interview. "Das war ein Zufall. Ich war beängstigt wegen meiner Gesundheit. Ich wusste nicht, wie gefährlich das ist, was das bedeuten könnte. Mich haben die Menschen interessiert."

Surreale Schönheit der Zerstörung

Seit drei Jahren fotografiert Krementschouk dort, wo es noch heute gefährlich strahlt - im verlassenen Prypjat, direkt am Sarkophag. Es ist die Landschaft in der verstrahlten Umgebung. Er fotografiert Menschen, die tatsächlich wieder dort wohnen. Die Katastrophe in Japan - Ironie der Geschichte - kam kurz vor dem 25. Jahrestag des bisher "größten anzunehmenden Unfalls" der technischen Zivilisation. Krementschouk hat sich nach Tschernobyl gewagt, nach Japan will er nicht: "Das hat mit meiner Heimat zu tun und mit der Vergangenheit meines Landes", erklärt er, "aber ich möchte noch Familie, noch Kinder haben. Und da sehe ich keinen Grund, bei einer atomaren Katastrophe nach Japan zu reisen und dort Bilder zu machen."

Die verlassene Bibliothek in Prypjat hat er auch abgelichtet - sie ist Metapher für die Vergänglichkeit auch von Kultur. Krementschouks Fotos klagen nicht an. Sie zeigen die surreale Schönheit der Zerstörung, zeigen Natur, die wie ein apokalyptischer Garten wuchert. Er selbst war 13 und weit weg, als die Atombrennstäbe in Tschernobyl schmolzen. Damals wurde alles vertuscht. "Ich war ein sowjetischer Pionier, ich war in der Schule", erinnert sich Krementschouk. "Ich habe zwei, drei kleine Erinnerungen. Das ging an mir vorbei, unsere Medien waren kontrolliert."

Trauer und Lebenslust eng beieinander

In der 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl lebten vor 25 Jahren 300.000 Menschen. Heute sind es wenige hundert - meist Alte, die in ihrer Heimat sterben wollen. Ein Ehepaar ist sofort nach der Katastrophe zurückgekehrt - Krementschouks Foto von ihnen zeigt die Würde der Vergänglichkeit. Trauer und Lebenslust liegen eng beieinander. Kinder baden und fischen in einem belasteten Fluss. "Ich habe drei Tage lang Kinder begleitet, die 'Tschernobyl-Kinder' heißen, die zwei oder drei Mal nach Deutschland dürfen im Jahr", sagt Krementschouk. "Die haben für die Katzen Fische gefangen. Der Fluss ist ein Nebenfluss der Prypjet, der sehr belastet ist."

Immer wieder sieht man auch kriminelle Outlaws in der apokalyptischen Szenerie: Ein Mann haust in einer umgebauten Eisenkapsel. Krementschouks poetische Fotos zeigen den Kontrast zwischen einer unbeherrschbaren Technik und dem schieren Leben. Mit den aktuellen Bildern im Hinterkopf scheinen manche fast "zu schön". In Mannheim wird am 19. März die Ausstellung "Zone - Heimat Tschernobyl" mit Bildern von Andrej Krementschouk eröffnet.

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