Der Verfallsbeschleuniger

Künstler und Tausendsassa Cyprien Gaillard

Der Verfall reizt ihn: für den Künstler Cyprien Gaillard sind Gebrauchsspuren, Zerstörung oder Ruinen eine ästhetische Erfahrung.

Er ist am liebsten draußen, auf der Suche nach neuen Orten und Plätzen. Die hübschen Fassaden von Venedig lässt Cyprien Gaillard links liegen. Er will dahin, wo die Stadt nicht mehr adrett und rausgeputzt ist. Cyprien Gaillard ist 30 Jahre alt, konnte sich als Kind schlecht konzentrieren. Jetzt macht er Kunst, da darf man tausend Ideen gleichzeitig haben.

"Verfall ist unglaublich attraktiv"

Friedhöfe ziehen ihn in jeder Stadt magisch an. In Venedig: gleich eine ganze Insel voller Gräber. "Mein Gefühl ist: viele Künstler versuchen total eifrig, dass ihre Sachen aussehen wie das hier", sagt er beim Gang über einen Friedhof. "Wissen Sie - oder hier, wie der Marmor in dem Baum - Ich meine, Verfall ist einfach unglaublich attraktiv." Und wo Verfall ist, ist Cyprien Gaillard zur Stelle. In über 100 Collagen aus Polaroid Fotos hat er zum Beispiel eine Art Atlas der Zerstörung geschaffen. Mit alten und modernen Ruinen- ohne Hierarchien. Auch die abgerissenen und dreckigen Ecken einer Stadt sollte man viel mehr würdigen - und nicht immer gleich alles wieder plattmachen und säubern, findet er.

Als Skateboarder aus Paris kennt Gaillard die unterschiedlichsten Ecken einer Stadt. Auf der Biennale kombiniert er alte touristische Postkarten von Orten mit seinen Fotos von Bauten der letzten 40 Jahre - und verbindet sie mit einem Bierettikett. Was wollen wir bewahren - und was ausradieren und vergessen? "Ich vergleiche Stadtplanung gern mit dem Saufen", sagt Gaillard. "Erst hat man eine große Party, baut all diese neuen Scheußlichkeiten - und dann kommt der nächste Bürgermeister und sagt: Oh nein, wir haben es übertrieben, müssen das wieder reparieren - aber das kann man nicht!"

Gaillard ist gefragt

Stumm fällt ein Wohnblock in Glasgow in sich zusammen: ein Video von Gaillard. Bei über 30 Sprengungen war er schon dabei. Wenn es nach ihm ginge, dürften auch verlassene moderne Bauten mal stehen bleiben - Menschen sollten mit dem Verfall zu leben lernen: "So eine Sprengung ist so überwältigend für alle, dass dann plötzlich alle Zweifel oder Diskussionen ausradiert sind, die es vorher gegeben hat. Als ob die Explosion an sich alles rechtfertigen würde. Eine einzige Amnesie! Es gibt kein Zurück." Aus dem Schutt zerstörter Gebäude errichtet Gaillard deshalb neue Skulpturen wie den Obelisken in Glasgow - oder gibt dem zerstoßenen Beton mit einer herrschaftlichen Allee eine neue Existenz.

Gaillards Kunst ist zurzeit sehr gefragt - auch im Palazzo Grassi, dem Museum des Sammlers Pinault in Venedig ist ein Video ausgestellt. Der Künstler ist einfach immer wieder zu allen hin, überzeugt von seinen Ideen - Kommunikation kann er gut. Drei große Galerien bieten darum, seine Projekte finanzieren zu dürfen. Demnächst hat er eine Einzelausstellung im Pariser Centre Pompidou und ist in Berlin für den Preis der Neuen Nationalgalerie nominiert.

Sein Werk ließ er einfach wegsaufen

In Berlin hat auch gerade selber ein Monument errichtet: eine Pyramide aus Bierkisten. Die Zerstörung war vorprogrammiert: Er ließ sein Werk einfach wegsaufen, von den Ausstellungsbesuchern. Die zeitgenössische Ruine schlechthin. Wie ein archäologischer Fund, der sich nie von seiner Entdeckung erholen wird. "Es ist ein sehr schmaler Grad zwischen Erhalten und Zerstören", meint Gaillard, "darum geht es in meiner Arbeit: Wenn man einmal etwas gefunden hat - in dem Moment, wo Archäologen anfangen zu graben, macht man es kaputt. Eigentlich wäre es am besten, nichts anzufassen. Aber das können wir einfach nicht."

Was die Form angeht, ist Cyprien Gaillard eine Art Tausendsassa, sein Thema Verfall verfolgt er dagegen fast manisch. Als nächstes reist er in den Irak: Er will einen Film über Saddam Husseins Palast drehen - gebaut auf den Ruinen von Babylon.

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