Desillusionierter Hedonismus

200 Jahre Argentinien - ein Land als Phänomen

Dieses Land war einmal allen anderen Ländern Südamerikas voraus. Damals, als das Teatro Colón noch eine der besten Opern der Welt war. Damals, als die Kuppeln und Türme von Buenos Aires noch von Vollbeschäftigung, hohem Bildungsstandard, Wohlstand kündeten. Aber das ist lange her.

Größenwahn und Misswirtschaft begleiten die stolze Geschichte. Als in den 90er Jahren der Peso fest an den Dollar geknüpft wurde, war die Wirtschaft wie unter Speed, bis sie zusammenbrach und manche Illusion vom Reichtum platzte. Damals, vor zehn Jahren, als die Banken plötzlich schlossen, rebellierten viele. Genützt hat das nicht. Inzwischen sind die Argentinier, vor allem der Mittelstand, desillusioniert. Wer kann, schickt sein Geld ins Ausland, oder legt die Dollars unters Kopfkissen.

Ikonen: Maradona und Evita

Die glamouröse Präsidentin Cristina Kirchner und ihr Gatte, der Expräsident - sie wollen an Evita Péron erinnern. Der Peronismus ist bis heute die herrschende politische Richtung - eine seltsame, speziell argentinische Mischung aus Sozialismus und Monarchie. Klüngel, Korruption und Populismus. Damals wie heute vergöttern die Argentinier die jung gestorbene Gattin des Präsidenten Péron, der das Land erst zur Blüte brachte und später der Krise überließ. Evita Péron und Maradona - das sind die Identifikationsfiguren des Landes.

In La Boca, im Viertel am alten Hafen, in den schäbigen Wellblechhäusern, ist Armut und Anmut zugleich zu Hause. Ein widerstandsfähiger Stolz. Man ist informiert und desillusioniert. Auch die Patrioten sind zuerst Individualisten. Ein Eldorado für Einwanderer aus Europa war Argentinien einst. Für die, die vor den Nazis flüchteten, für machen Naziverbrecher selbst. Den Tango nehmen sie alle ernst - geboren aus dem Mix der Kulturen: afrikanisch, indianisch, europäisch. Ein Kult, der durch die Nächte trägt.

Lebenslust kontra Depression

Der Hedonismus ist die stärkste Kraft Argentiniens. Schön leben, sich nicht unbedingt überarbeiten - das hilft durch schwierige Zeiten, wenn auch nicht unbedingt schneller aus ihnen heraus. Argentinien muss heute aufpassen, dass es nicht abgehängt wird, vom reicheren, agileren Nachbarn Brasilien. Aber die lebenswerteste Stadt Südamerikas bleibt Buenos Aires.

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