Die Ausstellung des Jahres

Vasaris "Vite" und die "Gesichter der Renaissance"

In Florenz begeht man in diesem Jahr den 500. Geburtstag des Universalgenies Giorgio Vasari, des Vaters der Kunstgeschichte und Verfassers der berühmten "Vite", der ersten europäischen Künstlerbiografien - und Berlin feiert mit.

Man muss kein Florentiner sein, um Florenz für die "Wiege der Kunst" zu halten. "Wer die mächtige Kuppel ihres Doms erblickt hat, den wird es stets nach Florenz zurückziehen", schwärmte Giorgio Vasari vor 500 Jahren. Für den Töpfersohn aus Arezzo ist Florenz der Nabel der Welt, hier macht er am Hofe der Medici eine beispiellose Karriere.

Leben und Werk von über 100 Künstlern

Vasaris erstes Bravourstück war ein geheimer Korridor, den der junge Architekt über die Florentiner Stadtbrücke führt. Endlich haben die Medici einen sicheren Verbindungsweg zwischen ihren Palästen an beiden Ufern des Arno. Der "Corridorio Vasariano" über dem Ponte Vecchio sorgt für Vasaris frühen Ruhm. "Vasari war Maler, Baumeister, Architekt, Viten-Schreiber, aber er hat auch eine Vielzahl von Gemälden geschaffen", sagt Hana Gründler, Mitherausgeberin von Vasaris "Viten", mit der wir uns in Florenz getroffen haben. "Er reiste sehr viel, so war er 1566 in Norditalien unterwegs, hat sich wirklich Kunstwerke vor Ort angesehen und mit Auftraggebern gesprochen, insofern die noch am Leben waren, und hat auch in Archiven Material gesammelt.

Während Vasari als Florentiner Architekt und Maler den "Palazzo Vecchio" der Medici umbaut, wertet er seine Reise-Recherchen aus, prägt Begriffe wie Gotik und Manierismus, schildert Leben und Werk von über 100 Künstlern. An Michelangelo, dem Schöpfer des "David", macht Vasari eine explosive Ausdruckkraft aus, die er so nur aus der Antike kennt. Renaissance - Wiedergeburt - nennt er diesen Umbruch. "Kein Künstler verstand es so wie Michelangelo, in allen Künsten den Höhepunkt zu erreichen", sagt Hana Gründler. "Das ist sicherlich auch ein Element, das ihn zum Göttlichen werden lässt. Ganz zentral ist für Vasari auch die 'terribilita', die Fähigkeit, selbst die schrecklichsten Dinge mit unglaublicher Kraft darzustellen. Michelangelo verkörpert zudem den Hofkünstler, also einen Künstler, der fähig ist, mit Königen und Päpsten auf einer Ebene zu diskutieren."

Die Mona Lisa zum Lachen gebracht

"Göttergleich?" Vasari geizt mit diesem Attribut. Es gibt viele Künstler, und manchem hängt er Boshaftes an - selbst dem Schöpfer der "Mona Lisa". Leonardo da Vinci sei ein Mann, der "wenig arbeitet" hält Vasari fest und bewundert doch Leonardos "ungeheure Ausdruckskraft". Das rätselhafte Lächeln der Mona Lisa erklärt Vasari mit einem Trick, wie Hana Gründler aus seinen "Lebensbeschreibung des Leonardo" zitiert: "Während er Mona Lisa - die eine sehr schöne Frau war - malte, ließ er musizieren, singen und Narren allerlei Possen reißen, um sie so bei Laune zu halten und die Melancholie zu vertreiben, die in der Porträtkunst sehr verbreitet ist."


Im Berliner Bodemuseum sind jetzt zwei der seltenen Werke Leonardos zu sehen: Das eindrucksvollste Gesicht gehört der "Dame mit dem Hermelin": Eine junge Frau wirft auf sensationelle Weise einen Blick über ihre Schulter - so lebendig, als stünde sie vor uns. Der Natur perfekt nachempfunden,so scheint es - tatsächlich aber eine raffinierte Bildkonstruktion. Stefan Weppelmann, Kurator der "Gesichter der Renaissance", erklärt dazu: "Bei dem wunderbaren Mädchenbild sehen wir zum Beispiel, dass die Hand, die das Hermelin hält, wesentlich länger ist als eine wirkliche menschliche Hand. Leonardo passt diese Hand, die für die Bildkonstruktion so bedeutsam ist, seinen eigenen Vorstellungen - wie ein Kunstwerk zu funktionieren hat - ein. Er nimmt also die Formen der Natur auf und passt sie seiner eigenen künstlerischen Konzeption an."

Irdische Wesen rücken in den Blick

Ein Blatt aus dem Nachlass Leonardos zeigt: Mit Dutzenden Nadelstichen punktierte der Maler den Schattenriss seines Modells auf ein Gitternetz, um absolute Ähnlichkeit zu erzielen. Markante Details - wie die Kopfbedeckung Lorenzo de' Medicis - hält Leonardo in schnellen Skizzen fest. Vor 500 Jahren gelingt der italienischen Kunst so die "Entdeckung des Menschen". Nicht mehr Kirchenheilige, sondern irdische Wesen rücken jetzt in den Blick - ihr Leben und ihr Schicksal. Sandro Boticelli zum Beispiel erzählt in seinem "Bildnis des Guiliano de' Medici" von einem Mord: Der unnatürlich gesenkte Blick spielt auf einen Putschversuch gegen die Medici an, bei dem Guiliano erdolcht wurde. In seiner "Lebensbeschreibung des Boticelli" überlieferte uns Vasari auch die Geschichte der jungen Simonetta Vespucci, die unerreichbare Herzensdame des ermordeten Guiliano. Ein Bild, das Boticelli wiederholte - und an dem Vasari das "Ideal der Schönheit" in der Kunst festmacht.

Das perfekte, tatsächlich lebendig anmutende Porträt schafft schließlich Raffael. Bei ihm schaut der Porträtierte nicht elegisch in die Ferne, sondern nimmt direkten Blickkontakt auf. Zeitgemäß, modern, urteilt Vasari und erhebt Florenz zur "Schule der Welt". "Raffael kommt nach Florenz, um hier Michelangelo und Leonardo zu studieren", so Hana Gründler. "Und Vasari stilisiert natürlich die Toskana und Florenz zur Wiege der Kunst: Hierher kommen die Künstler, um die wahre Kunst zu studieren."

Epochaler Umbruch

Auf dem Höhepunkt der Renaissance dringen schließlich weltliche Porträtbilder ins Allerheiligste vor - am Dom von Florenz etwa. An der berühmten Paradiestür des "Batisterio" dominieren zwar noch immer biblische Szenen. Doch zu Moses und dem Herrgott gesellt sich nun - ganz selbstbewusst - der geniale Bildhauer Lorenzo Ghiberti: Der Künstler sieht sich selbst als Schöpfer. Es ist ein epochaler Umbruch, der ab 25. August im Berliner Bode-Museum präsentiert wird: Mit Meisterwerken der großen Museen dieser Welt und den schönsten Gesichtern, die die Renaissance zu bieten hat.

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