Die Deutschen und ihr Kot

Florian Werners kleine Geschichte der Scheiße

Es hilft nichts. Unterdrücken Sie für einen Moment ihren Ekel, werfen Sie ihre gute Erziehung über Bord. Wollen wir einen Blick auf die dunkle Seite der Kultur werfen, so müssen wir über etwas sprechen, über das man nicht spricht. Über Scheiße.

Genau das hat der Berliner Autor und Literaturwissenschaftler Florian Werner getan. Seine "Geschichte der Scheiße" verfolgt - garantiert geruchsneutral - die Spuren unserer Exkremente in der Kulturgeschichte. In einer Welt, die wir bis in den letzten Winkel erkundet und vermessen haben, die wir nach unserer Vorstellung gestaltet und den Regeln von Funktionalität und Effizienz unterworfen haben, ist die Scheiße die letzte Bastion, die sich der kapitalistischen Verwertungskette entzieht.

"Wo es Leben gibt, gibt es auch Scheiße"

Und dennoch ist gerade ihre Unsichtbarkeit zum Gradmesser unserer Zivilisation geworden. Wollen wir ihrem Geheimnis auf den Grund gehen, müssen wir in die Unterwelt eintauchen. Allein die Stadt Berlin entsorgt geschätzte 850 Tonnen Kot täglich. Unsere Städte erheben sich auf gigantischen Scheißeströmen. "In gewisser Weise ist es die Schattenseite der Kultur, die aber da sein muss", sagt Florian Werner. "Genauso wie die Sonne scheint, fällt ein Schatten, wenn es Licht gibt, gibt es irgendwo auch Dunkel und so wo es Leben gibt, gibt es eben auch Scheiße."

Mögen die Eskimos 100 verschiedene Wörter für Schnee haben, wir kennen mindestens ebenso viele für unsere Ausscheidungen. Scheiße ist gewiss die teutonischste davon. Ein zischender Trigraph, gefolgt von einem Diphthong und dem nur im Deutschen vorkommenden scharfen "ß". Da fehlt eigentlich nur noch ein Umlaut - "Scheißä" - und wir hätten die perfekte Parodie auf die Eigentümlichkeiten unserer Schriftsprache.

Reinliche Deutsche fluchen übers Anale

Wenn Walther von der Vogelweide von "schize" sang, meinte er damit lediglich "Durchfall". Heute kann Scheiße schlicht alles bedeuten - und wurde damit zum beliebtesten deutschen Kraftausdruck. "Es wird eigentlich in jeder Kultur gegen das stärkste Tabu angeflucht", weiß Werner. "Das ist in Kulturen, die besonders die Mutter ehren, eben besonders die Familie, die Mutter, die beschimpft wird. In stark religiös geprägten Kulturen wird eben eher über Gott geflucht. Und in Kulturen, die sehr starken Wert auf Ordnung, Sauberkeit, Reinlichkeit halten, und da würde ich schon die deutsche dazu zählen, da wird dann eben gerne über das Anale, über den Dreck geflucht."

Jedes Schimpfwort ist nur so stark wie die moralischen Schranken, gegen die es sich richtet. Und die waren anfangs vergleichsweise schwach. Wer im Mittelalter mal musste, entleerte sich an Ort und Stelle oder besuchte das "sprâchhûs", ein geselliges Örtchen zum gemeinsamen Entleeren und "Geschäfte" machen. Erst mit Anhebung der Schamschwellen in der frühen Neuzeit zog man sich ins "Privet" zurück. Abschließen lässt sich das Klo (vom Lateinische "claudere": abschließen) sogar erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Unser Ekel ist ein kulturell erworbener.

Demokratische Materie

Die Deutschen und ihr Kot - es ist die Geschichte einer Entfremdung. "Scheiße ist eine sehr demokratische Materie", betont Florian Werner, "es ist einfach die Materie, vor der alle Menschen gleich sind. Selbst der Kaiser muss zu Fuß und alleine aufs Klo gehen und zugleich ist sie eine sehr revolutionäre oder subversive Materie. Sie ist ja dasjenige, das selbst die Mächtigsten lachhaft und menschlich erscheinen lässt, weil man weiß, dass sie auch der Defäkation unterworfen sind." Wovon Alchemisten Jahrhunderte lang erfolglos träumten, das gelang nur der Kunst: Scheiße in Gold zu verwandeln. Der Italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni füllte bereits 1961 90 Blechdosen mit seinem eigenen Kot. Das Nettogewicht ließ er sich in Gold aufwiegen. Heute bringt die Künstlerkacke weit über 100.000 Euro.

Wer tiefer in die Materie eindringen will, dem sei Florian Werners Buch empfohlen. Hier sagt der Inhalt mal ausdrücklich nichts über die Qualität aus. Oder neudeutsch gesprochen: Was für eine geile Scheiße! Denn eines sollten wir nicht vergessen: Umso konsequenter wir unsere Exkremente verdrängen, umso freudiger umgeben wir uns mit medial erzeugtem Bullshit. Ein dampfender Scheißhaufen mag abstoßend sein, aber er ist wenigstens echt.

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