Die Flops des Dichters

Hans Magnus Enzensberger über seine Pleiten

Über 80, doch verspielt wie ein Junger: Der Dichter, Essayist, Publizist und Verleger Hans Magnus Enzensberger ist so vielseitig wie kein Zweiter. Nun publiziert er auch noch seine schönsten Flops. Er hält sie nicht für Blamagen, denn Flops mildern den Größenwahn. Und zu wissen, weshalb etwas schiefgeht, ist lehrreich.

"Es kommt ein bisschen darauf an, welche Haltung man zu seinen Pleiten, zu seinen Niederlagen einnimmt. Das ist ja nicht das Ende der Welt", sagt Enzensberger im Interview. "Die Wahrheit ist ja, dass man sich so etwas besser merken kann als Triumphe. Erfolge vergisst man. Aber wenn man in einer Theaterpremieren merkt, dass das Ganze total den Bach runter geht, dann ist das ja schon ein starker Eindruck. Das merkt man sich."

"Das war kein gutes Stück"

Klingt, als sei er fast stolz auf seine Flops? "Ja, ich verdanke denen sehr viel. Literatur und Künste überhaupt - das sind kleine Industrien. Und um das Betriebssystem zu verstehen, müssen Sie auf das achten, was schief geht. Das ist lehrreich: Woran liegt es? Und deshalb verfolge ich mit meinem Buch vielleicht sogar einen menschenfreundlichen Zweck, weil ich denke: Jemand, der das nicht von innen kennt, kann da vielleicht einiges verstehen." Zu den nie realisierten Theaterideen Enzensbergers zählt zum Beispiel eine heitere Revue über Marx und Engels als Pat und Patachon.

Ein frühes Stück über Konrad Adenauer wird zum Meisterflop. Leider gibt es kein Manuskript mehr. Adenauer wurde von zwei Schülern entführt - 20 Jahre später hätte man das nicht mehr machen können, aber warum damals nicht? "Das war kein gutes Stück - mangelhaft, es hatte einige dilettantische Züge", so Enzensberger. "Ich bilde mir gar nicht ein, dass ich ein Weltdramatiker bin. Ich spiele damit herum, und wenn es klappt, ist es gut. Wenn es nicht klappt, macht das auch nichts. Viele von den heutigen Theaterleuten wollen ja gar keinen Autor. Der stört nur, sie sind ja selber Genies."

"Wunderbare, fantastische Pleiten"

Opern sind etwas Schönes - ebenso verrückt wie teuer. Eine Opera buffa über das Politbüro der DDR ist sein schönster Opernflop. Wolfgang Rihm sollte ihn vertonen. Der sprang zuerst ab, dann die Deutsche Oper Berlin. "Ja, das wollte auch niemand haben", sagt Enzensberger grinsend. "Einer meiner herrlichsten, totalsten Flops war eine Oper, die ich mit Hans Werner Henze zusammen gemacht hatte. Die Aufführung war eine solche Pleite, dass die niemand mehr auch nur mit der Feuerzange angefasst hat. Die Partitur gibt es noch, aber die will ja keiner haben. Alle erinnern sich noch an diese wunderbare, fantastische Pleite." Vier Opernflops präsentierte der Dichter.

Auch an den sechs Kinoflops ist der Verfasser ganz allein selber Schuld. Warum lässt er sich immer wieder auf das Filmgeschäft ein? "Weil es ein schönes Spielzeug ist!" ruft Enzensberger aus. "Das sind doch alles schöne Spielzeuge! Theater ist doch wunderbar, als Spielfläche. Und dann fällt einem etwas ein, das nur in diesem Medium denkbar ist." Dem Scheich von Dubai will er einen Springbrunnen der Poesie schmackhaft machen. Die Finanzkrise kommt dazwischen. Keiner seiner Flops, schreibt er, sei so märchenhaft gewesen.

Ein Buch, das macht, was es will

Auch als Verleger von Zeitschriften und Büchern gingen ihm die Ideen nicht aus. Jetzt veröffentlicht er sie: Konzepte für Operetten, Theaterstücke, Filme, Bücher und Zeitschriften. "Wer sich bedienen will, kann kostenlos diese Drehbuchideen oder anderes haben", so Enzensberger. "Das macht doch nichts. Wenn ich das nicht machen will, soll es doch jemand anderes machen. Auf Ideen gibt es sowieso kein Copyright. Ideen hat jeder. Und jeder hat viel mehr Ideen, als er ausführen kann."

Und dazu ein zweites Buch: Enzensbergers Album gefüllt mit Texten aus eigener Feder, Fundstücken, Gesammeltem. Ein Blick, wenn man so will, ins Gehirn des quirligen Dichters. "Am Anfang des Buches ist ein Gehirn abgebildet - die Tomographie. Wie funktioniert das?" fragt Enzensberger. "Nicht regelförmig - es ist eine Art von Durcheinander, in dem aber doch einige Strukturen erkennbar sind. Aber nicht ordentlich. Das macht doch, was es will, das Gehirn! Und so macht dieses Buch auch, was es will."

Dichterleben

Ein ganzes Dichterleben, eine Art Autobiografie erzählt Enzensberger anhand seiner Flops und überschüssigen Ideen. Gibt es etwas, was er nicht kann? Ja, zum Schreiben eines langen Romans sei er nicht geboren, schon die Vorstellung graust ihn.

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