"Die Frau mit dem goldenen Händchen"

Musikerin und Produzentin Annette Humpe wird 60

Sie ist die erfolgreichste Popmusikproduzentin Deutschlands. Annette Humpe hat an Preisen und goldenen Schallplatten alles eingesammelt, was die Musikbranche zu vergeben hat. Vor 30 Jahren stand sie zum ersten Mal mit ihrer damaligen Band "Ideal" auf einer großen Bühne. Am 28.Oktober wird sie 60.

Eine Pop-Oma, die vergangenen Zeiten nachhängt, ist Annette Humpe aber noch längst nicht. Bis heute erfindet sie sich und ihre Musik, die sie mittlerweile meist für andere schreibt, immer wieder neu. Sie liebt es, mit Genres zu spielen, Erwartungen zu unterwandern, und sie hat ein sicheres Gespür für das, was ein großes Publikum anspricht. Dennoch ist sie keine Mainstream-Künstlerin.

Hit-Produzentin

Sie hat Hits wie "Küssen verboten" für die Prinzen geschrieben, Rio Reisers erfolgreichstes Album "König von Deutschland" produziert, ebenso Udo Lindenbergs "Stark wie zwei" - und in den 90er Jahren Nummer-1-Hits wie "Codo" oder " Weil ich ein Mädchen bin".

Ihre eigene Bühnenkarriere beginnt Ende der 70er Jahre, als sie gemeinsam mit ihrer Schwester Inga (die heute mit ihrem Lebensgefährten Tommi Eckard die Band "2raumwohnung" bildet) und ihrer Band "Neonbabies" auf die Bühne tritt. Ihr erster Hit: "Blaue Augen". 1979 gründete Annette Humpe "Ideal", die schon ein Jahr später vor 20.000 Zuschauern in der Berliner Waldbühne ihre ersten Erfolge feiern. Mit "Berlin" hatte sie eine Hymne für die Stadt geschrieben, die das Lebensgefühl der 80er Jahre so genau traf, dass man die Stadt fast riechen und schmecken konnte.

Mutter der "Neuen Deutschen Welle"

Musikalisch ließ sie sich vom englischen New Wave inspirieren, schuf aber dennoch etwas völlig Neues. Unerhört und fast undenkbar zu dieser Zeit war, dass die Band deutsche Texte sang. Später erfand ein Journalist für dieses Phänomen, deutsche Texte zu singen, die keine inhaltslosen Schlager waren, den Begriff "Neue Deutsche Welle". Annette Humpes Sprache war immer direkt, die Musik schnell und die Sängerin wütend. So kam sie zumindest auf der Bühne rüber: unterkühlt und unnahbar. Sie selbst und ihre Freunde erkannten darin eine Schüchternheit, die sie durch Distanziertheit überdeckte.

Eigentlich stammt sie aus Westfalen: Anfang der 50er Jahre, mitten in der Wirtschaftswunderzeit, wächst Annette Humpe in Herdecke im Ruhrgebiet auf. Die Eltern haben eine Konditorei - und wenig Zeit für ihre Kinder. Als sie fünf ist, kommt ihre Schwester Inga zu Welt, Annette "adoptiert" sie sogleich. Schon im Kinderzimmer gründen sie ihre erste eigene Band. Annette spielt Klavier, so wie ihre Mutter - die nebenher als Kirchenorganistin auf Beerdigungen spielt - und Inga beginnt zunächst an der Blockflöte, es folgt die Gitarre.

"Humpe und Humpe" mit Schwester Inga

Stark geprägt von den ersten Beatles-Liedern, die sie im Radio hören, spielen die beiden alles nach, was ihnen zu Ohren kommt und geben auf Familienfesten ihre ersten Konzerte. Später, nach dem Abitur, studiert Annette Humpe zunächst auf der Musikhochschule in Köln. Nach zwei Jahren bricht sie ihr Studium ab und zieht nach Berlin, um Rockmusikerin zu werden. Sie spielt in diversen Bands und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Kellnerin.

Nach dem großen Erfolg mit "Ideal", die insgesamt drei Alben produzieren, tritt sie immer wieder gemeinsam mit ihrer Schwester Inga auf. Als "Humpe Humpe" landen sie sogar in den englischer Charts. Nach einem Soloalbum mit dem Titel "Solo" zieht Annette sich von der Bühne zurück und konzentriert sich auf das Produzieren anderer Musiker oder Bands. In der Musikbranche wird sie auch "Die Frau mit dem goldenen Händchen" genannt, die schon vielen Musikern zu einem Comeback verholfen hat.

Melancholie und Trost von "Ich+Ich"

Obwohl sie immer wieder behauptet, nicht gerne auf der Bühne zu stehen, erlebt Annette 2003 einen kurzen "Rückfall", als sie dem jungen Boygroup-Sänger Adel Tawil in einem Studio begegnet. Mit ihm veröffentlicht sie ein Jahr später ein gemeinsames Album, auf dem sie auch singt. Nicht nur der Altersunterschied zwischen der Popikone und dem jungen Sänger machte diese Kombination interessant. Es war die gewisse Mischung aus melancholischen und Trost spendenden Texten aus der Feder von Annette Humpe, die durch Tawils Interpretation eine zündende Wirkung entfalteten. Die Erfahrungen einer reiferen Frau, aus dem Mund eines jungen Mannes.

"Ich+Ich" ist bis heute eine der auch kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands der letzten Jahre. Aber schon nach dem zweiten Album überließ Annette Humpe Adel Tawil die Bühne und zog sich wieder in die Schreib- und Studioarbeit zurück. Momentan arbeitet sie mit dem Sänger Max Raabe an einem Album, das "Küssen kann man nicht allein" heißen wird und im Januar 2011 veröffentlicht werden soll.

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