Die Ideologie des Natürlichen

Die alltäglich gewordene Flucht vor der Moderne

Unter Schmerzen gebären, wie es in der Bibel heißt, muss heute niemand mehr. Ein Sieg der Medizin über die Natur. Eigentlich. Doch was tut die Frau von heute? Sie träumt von "natürlicher" Geburt, jahrelangem Stillen und der Mutterschaft als ihrer natürlichen Bestimmung.

"Die Mutter", sagt die französische Philosophin Elisabeth Badinter, "wird als Säugetier angepriesen. Das steht im Zentrum dieser Ideologie des Mutterinstinkts. Irgendwie gibt es da eine unbewusste Parallele zwischen der menschlichen Mutter und der Katzenmutter. Wenn die kleinen Katzen auf die Welt kommen, legen die Katzenweibchen ein sehr stereotypes Verhalten der totalen Selbstaufopferung gegenüber ihren Jungen an den Tag. Und man möchte glauben, dass das bei Frauen genauso ist." Badinter nennt das "religiösen Naturalismus", und der macht sich in vielen Bereichen breit.

Die Natur ist ehrlich

Ebenfalls auf dem Altar unserer Verehrung etwa: das Vollkorn oder die Homöopathie - obwohl von zweifelhaftem Nutzen. In unserer Alltagsmoral ziehen wir das Natürliche dem Künstlichen als hochwertiger vor. Aber warum? "Das Spezifische am Menschen", erläutert der Philosoph Dieter Birnbacher unter Bezugnahme auf seinen Kollegen Mark Rowlands, "das man ja auch schon bei den Menschenaffen beobachten kann, ist, dass er ein Wesen ist, das täuschen kann, das manipulieren kann, das lügen kann und sehr ausgiebig Gebrauch davon macht. Das macht den Menschen auch tatsächlich bedenklicher, ängstigender als die Natur. Man kann also sagen, die Natur ist ehrlich. Auch da, wo sie grässlich ist, da, wo sie Schlimmes anrichtet, ist sie ehrlich. Sie hat keine hinterlistigen Absichten."

Die Aufwertung des Natürlichen wurzelt also in der Sehnsucht nach Reinheit. Und die ist heute - anscheinend - besonders groß. Badinter glaubt, die Wirtschaftskrise, die im Grunde vor fast 30 Jahren begonnen hat, stellt unsere Werte in Frage: "Besonders die junge Generation, die es schwer hat, Arbeit zu finden, fragt sich, ob wir uns nicht geirrt haben, ob wir zur konsumorientiert waren, zu materialistisch. Die Debatte über die Rückkehr zu den Grundlagen der Natur, zu weniger Wachstum und so weiter wird gerade zur vorherrschenden Ideologie."

Natürlichkeit legitimiert nichts

An den Kapitalismus glaubt diese Generation nicht mehr uneingeschränkt. Aber kann ausgerechnet die Natur Neu-Orientierung bieten? "Nein", meint Dieter Birnbacher, "sich vorzustellen, die Natur sei das einzig Verlässliche, sie sei vertrauenswürdig und man könne sich an sie halten, das ist meines Erachtens sachlich problematisch, weil uns die Natur keine Regeln vorgibt, keine Normen geben kann. Aber diese Denkweise ist sehr tief verwurzelt und hat dazu geführt, dass sehr viele es für eine hinreichende Berechtigung oder Legitimation eines Verhaltens sehen, dass es irgendwie ein natürliches Verhalten ist." Bei aller Schönheit - als Handlungsanleitung für den Menschen taugt die Natur nicht.

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