Die Legende vom Freund und Helfer

Ausstellung über die Polizei im NS-Staat

Die Polizei sei während der NS-Zeit "sauber" geblieben - eine Legende. War die Polizei nur für die einen Freund und für die anderen zugleich Henker? Interesse an der Aufklärung der eigenen Vergangenheit: lange Zeit Fehlanzeige. Als ausführender Arm des Rechtsstaates ist sie immer auch Teil der Regierung. Keine Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung ist ohne sie möglich. Sei es in einer Demokratie oder einer Diktatur. Diesen Missstand möchte die Hochschule der Polizei nun mit der neuen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum: "Ordnung und Vernichtung - Die Polizei im NS-Staat" beheben.

Als Deutschland noch eine Republik war, kannte man den Polizisten als den "guten Schupo", den netten Mann in Uniform und Tschako, der Kindern nett lächelnd über die Straße half, den Verkehr in geregelte Bahnen lenkte, bei Straßenschlachten Kommunisten und SA trennte und Kriminelle dingfest machte.

Im Inneren Verschmelzung mit der SS

Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers wandelte sich dieses Bild jedoch, wurde der Schupo auf dem rechten Auge blind. Das Verhältnis ist anfangs zwar noch von Rivalitäten aus der Zeit der Straßenkämpfe geprägt, diese marginalisieren sich jedoch mit jeder Entlassung sozialdemokratisch gesinnter Polizisten. Mit der Übernahme der obersten Polizeigewalt durch Innenminister Göring im Januar 1933 verschwimmt dann auch die Rechtsstaatlichkeit der Polizei. Zum Beispiel ermöglichte es der "Schutzhafterlass" Polizisten, ohne richterlichen Anordnung oder bewiesenes Verbrechen, mögliche "Täter" zu verhaften, um die Volksgemeinschaft vor ihnen zu schützen.

Gespräch mit Kurator Wolfgang Schulte über die Polizei im NS-Staat

Der Einsatz von physischer Gewalt gegen Oppositionelle fiel zu dieser Zeit noch SA und SS zu, die Polizei war lediglich für die Verhaftungen zuständig. So konnte sie nach außen auch weiterhin das Bild des "guten Schupos" und rechtsstaatlichen NS-Staates vermitteln, obwohl sich im Inneren unter neuer Führung von Heydrich und Himmler ab 1936 eine Verschmelzung mit der SS abzeichnete. Die Polizei wurde nun Teil der NS-Vernichtungsmaschinerie und machte Jagd auf alle außerhalb der Volksgemeinschaft: Sinti und Roma, Juden, Behinderte, Obdachlose, Homosexuelle, Prostituierte,sogenannte "Arbeitsscheue", "Asoziale" und Landstreicher.

"Lizenz zum Morden"

Der Einsatz der Polizei fern der Heimat, vor allem in den besetzten Gebieten im Osten, aber auch in Frankreich und Holland, fügte dem Bild noch eine neue, weitaus grausamere Dimension zu. Ab 1939 war die Polizei zuständig für die Bewachung der Ghettos, zwei Jahre später dann auch für die Überwachung der Deportationszüge. Und dabei blieb es nicht. Mit der "Lizenz zum Morden" ausgestattet, folgten Exekutionen in den Ostgebieten, Verschleppungen von Zwangsarbeitern, kurz: aus dem Freund und Helfer wurde ein williger Mörder.

Erklärungsversuche gibt es etliche. Sei es Konformitätsdruck, Befehlsnotstand oder gesunkene Hemmschwellen. Gerade fern der Heimat kam dem Batallion meist die Rolle einer Ersatzfamilie zu und erzeugte so einen enormen Gruppenzwang. Man wollte ja angesehenes Familienmitglied bleiben. Und die wiederholten Tötungen fügten dem Alltag eine Brutalisierung hinzu, welche die Hemmschwelle nachhaltig deutlich niedriger legte.

Kaum einer zur Verantwortung gezogen

Entgegen der landläufigen Meinung brachte das Regime jedoch durchaus Verständnis für Polizisten auf, die Mordbefehle verweigerten. Konkret ist kein Fall bekannt, in dem ein Verweigerer hart bestraft oder gar erschossen wurde. Dennoch wird der Befehlsnotstand - nach dem Motto: "Ich konnte doch nicht anders. Ich musste doch schießen. Es war doch ein Befehl" - einer der meistvorgetragenen Entlastungsgründe bei den Nürnberger Prozessen sein. Und das mit Erfolg. Im Gegensatz zur Gestapo wird kaum ein Mitglied der Ordnungspolizei nach Kriegsende zur Verantwortung gezogen, im Gegenteil: Viele von ihnen finden in den Reihen der neuen Länderpolizei eine Anstellung. "Insgesamt ist die justizielle Aufbereitung der Geschichte blamabel gewesen", konstatiert dann auch Dr. Wolfgang Schulte, Projektleiter und Dozent an der Deutschen Hochschule der Polizei.

Dieses Geschichtsbild zu korrigieren ist daher auch Hauptanliegen und Verdienst der von Dr. Detlef Graf von Schwerin (Leiter des Zentrums für Zeitgeschichte der Polizei an Fachhochschulen des Landes Brandenburg) initiierten Ausstellung. Dass der Impuls von Seiten der Polizei kam, zeigt, wie relevant es gerade für zukünftige Polizisten ist, die ganze Geschichte der Polizei zu kennen, aus dieser Lehren ziehen zu können und das Bewusstsein für die hohe Verantwortung in Gesellschaft und Staat zu schärfen. Nicht zuletzt, um rechtsradikalen Auswüchsen begegnen zu können.

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