"Die Menschen brauchen eine Chance zum Träumen"

Ibrahim al-Koni, der bekannteste Schriftsteller Libyens, im Exklusiv-Interview

Er kennt Gaddafi schon seit den 60er Jahren: Ibrahim al-Koni, der bekannteste Schriftsteller Libyens. Der 62-Jährige lebt seit Jahrzehnten im Ausland, zur Zeit in der Schweiz. In seinem Roman "Das Herrscherkleid" zeichnet er das Bild eines grausamen Herrschers, der von der Macht wie von einem Geschwür zerfressen wird. Es könnte Oberst Gadaffi sein - oder ein anderer Potentat.

Sahara und Tuareg - das sind seine Themen. Mit allen Brüchen, die der Weg in die Moderne mit sich bringt, zeichnet er sie in seinen Büchern. Ibrahim al-Koni ist selbst Tuareg. In die Politik hat sich der öffentlichkeitsscheue Schriftsteller bisher nie eingemischt: "Mit welchem Recht," fragt er, "fordert man von mir, dass ich mich auf das Feld der aktuellen Tagespolitik begebe? Aber das, was heute in Libyen passiert, hat mit Politik nichts zu tun. Es hat mit den Menschen zu tun, die Opfer dieser Politik sind."

Macht ist ein Pakt mit dem Teufel

Al-Koni, der normalerweise in der Schweiz lebt, verfolgt die Ereignisse in Libyen zur Zeit aus dem Oman. Muammar Gaddafi kennt er persönlich, seit über 40 Jahren. Schon 1970, gleich nachdem Gaddafi den König gestürzt hatte, kommt es zu Konflikten zwischen den beiden: "Damals stimmte Gaddafi nach langer Debatte meinem Vorschlag zu, eine Symposium für die Intellektuellen abzuhalten. Das fand im Mai 1970 statt. Aber auch dort geriet ich in Streit mit ihm, als ich über die Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft nach dem Sturz des Königreichs sprach."

Was geht in der Seele eines solchen Tyrannen vor? In seinem neuesten Roman "Das Herrscherkleid" geht al-Koni dieser Frage auf den Grund. Dem Herrscher im Buch wächst das Herrscherkleid wie ein hässliches Geschwür am Leib fest. "Macht," sagt al-Koni," kann nie moralisch sein. Macht ist in Wirklichkeit ein Pakt mit dem Bösen, ein Pakt mit dem Teufel. Die Macht bemächtigt sich eines Menschen ganz langsam. Wie ein Tumor greift sie den Körper an, um dann nach und nach seine Seele zu verderben. Und ja, ganz sicher leidet auch Gaddafi an dieser unheilbaren Krankheit." In al-Konis Roman kann der Herrscher nur durch den Tod von seinem Herrscherkleid befreit werden ¿

"Stammeskrieg? Unsinn!"

Doch was kommt dann? Wie wird Libyen nach Gaddafi aussehen? Wird es tatsächlich im Bürgerkrieg der Ethnien und Stämme versinken? Nein, im Gegenteil, es wird vor allem eine Befreiung sein, meint al-Koni, und eine Rückkehr zu friedlicher Vielfalt: "Gaddafi hat der vielfältigen, libyschen Gesellschaft den Arabismus aufgezwungen. Tuareg, Amazigh und Berber, alle mussten immer Araber sein. Als wären die Araber eine besondere Ethnie, die alle anderen dominieren soll. Das ist Fanatismus beziehungsweise Rassismus. Ich halte die Befürchtung, dass es einen Bürgerkrieg oder Stammeskrieg geben wird, für Unsinn. Die libyschen Stämme stehen sich nicht feindselig gegenüber, sie leben seit tausenden von Jahren in Sympathie, Toleranz und Frieden miteinander."

Libyen hat eine jahrtausendealte, einzigartige Kulturlandschaft. Das römische Leptis Magna zum Beispiel, Unesco-Weltkulturerbe, bis heute kaum von Touristen besucht. "Ich übertreibe nicht," sagt al-Koni, "wenn ich sage, dass Libyen ein Juwel hätte werden können, nicht nur in Nordafrika oder Afrika, sondern im gesamten Nahen Osten. Wir müssen den Libyern die Chance geben zu träumen. So wie alle anderen auch."

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet