Die Mitleidsindustrie

Hilfsorganisationen in der Grauzone

Bilder der Not, wie aus Pakistan, sind ein Appell zu helfen. Wenn Katastrophen eintreten, stehen sofort hunderte von Hilfsorganisationen bereit, um die Notleidenden zu versorgen. Dabei geht es auch um Geld, viel Geld. Weltweit verfügen die internationalen Hilfsorganisationen über mindestens 120 Milliarden Dollar im Jahr, die sie von Staaten und privaten Spendern bekommen.

Beispiel Ruanda

Die niederländische Journalistin Linda Polman sagt: "Es gibt mindestens 37.000 internationale Hilfsorganisationen, die darum wetteifern, das Geld auszugeben. Sie alle wollen ihren Teil an dem Multimillarden Dollar Budget. Diese Hilfsindustrie ist zu groß geworden - wie ein Monster, das nicht länger kontrolliert werden kann."

Polman weiß, wovon sie spricht. Seit Jahrzehnten berichtet sie aus den Krisengebieten der Welt - aus Haiti, Sierra Leone, Ruanda. In ihrem Buch "Die Mitleidsindustrie" kritisiert sie, dass die internationalen Hilfsorganisationen zu unfreiwilligen Helfern von Kriegsparteien werden. Sie meint: "Stellen sie sich vor, sie sind ein somalischer Warlord und all diese Hilfsorganisationen strömen in ihr Land. Es ist doch klar, dass Sie denen nicht erlauben werden, ihren Feind zu unterstützen. Sie werden das Geld für sich und ihre eigenen Soldaten wollen. Deshalb können Hilfsorganisationen ihren Neutralitätsanspuch nicht aufrecht erhalten, sobald sie in Kriesengebieten sind."

Polmans krassestes Beispiel: Die Lager von Goma in Zaire 1994. Die westlichen Fernsehzuschauer glaubten, dort seien die Opfer des Völkermordes von Ruanda hingeflohen. Tatsächlich waren es aber die Täter. Die Hutu-Milizen, die den Völkermord begangen hatten, und jetzt selber vor der Rache nehmenden Tutsi-Armee ausgewichen waren.

Systematische Erpressung

Polman berichtet: "Tatsächlich hat die internationale Gemeinschaft die Mörder durchgefüttert. Und schlimmer noch, ihnen ermöglicht den Krieg fortzusetzen." Die Hutu-Milizen hatten in den Lagern das Kommando und erpressten Gelder von den westlichen Helfern. Als die französische Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" sich verweigerte und Goma verließ, wurde sie sofort von zehn anderen NGOs ersetzt.

Polman erzählt: "Weil es so viele Hilfsorganisationen gibt, fällt es den regionalen Kriegsherren leicht, sie zu manipulieren. Die Machthaber wissen: Wenn eine Organisation wegen des Missbrauchs geht, rücken sofort andere nach. Deshalb sind die Hilfsorganisationen so anfällig für Erpressung und Missbrauch." Hilfsorganisationen werden systematisch von den politischen und militärischen Eliten erpresst, sagt Polman. Nach dem Tsunami im indonesischen Aceh durften sie ihre Güter erst verteilen, als sie 30 Prozent an das Militär abgetreten hatten. In Somalia seien sogar 80 Prozent an Warlords geflossen. Auch in Haiti müssen die NGOs heute zahlen, sagt Polman. Dabei ist den Helfern eigentlich klar, was zu tun wäre.

Strukturelle Probleme der Hilfsindustrie

"Die Hilfsorganisationen wissen genau, was los ist. Nach jedem großen Hilfseinsatz steht es in ihren Abschlussberichten. Jedes mal lautet die Schlussfolgerung: Wir sollten kooperieren, nicht konkurrieren. Denn das macht uns erpressbar und das ist nicht gut für die Leute, denen wir helfen wollen. Der nächste Schritt wäre, es zu tun. Und hier endet es immer."

Die Stärke von Polmans Buch ist, dass sie die strukturellen Probleme der Hilfsindustrie analysiert. Sie erklärt die Zwänge, unter denen die NGOs stehen. Sie meint: "NGOs sind mehr oder weniger kommerzielle Unternehmen. Sie müssen ihr Überleben sichern, ihr großen Büros, ihre Mitarbeiter und ihre Ausrüstung finanzieren. Deshalb müssen sie besser, schneller vor Ort und sichtbarer sein als ihre Konkurrenten."

"Es reicht nicht aus zu spenden"

Linda Polman weiß, dass ihr Buch die Wohlmeinenden provoziert. Aber sie ist keine Zynikerin. Wer glaubt, sie wolle die Menschen ihrem Schicksal überlassen, der hat sie nicht verstanden. Sie will nur klarmachen, dass auch die internationale Hilfe eine gigantische Industrie ist, die besser kontrolliert werden muss.

Polman resümiert: "Das Buch stößt eine Debatte an. Es macht klar, was eigentlich los ist, damit die Spender den Hilfsorganisationen Fragen stellen. Dabei suchen die Leute keine Entschuldigung, damit sie nicht spenden müssen. Ich glaube fest, dass die Mehrheit leidet, wenn wenn sie ein hungriges Kind im Fernsehen sehen."

Informationen über die Lage vor Ort

Linda Polman meint, es reicht nicht aus zu spenden. Wer wirklich etwas verändern will, sollte sich über die Lage vor Ort informieren. Und er sollte den Hilfsorganisationen Druck machen. Was tun sie, damit das Geld nicht von den Machthabern einkassiert wird, sondern wirklich bei den Hilfsbedürftigen ankommt.

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