Die Muse des Künstlers

Alberto Giacometti in Wolfsburg

Giacomettis reifes Werk ist in einer großen Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. Seine Muse Paola Caròla war dort und hat über ihre Zeit mit Giacometti gesprochen. Heute ist sie 81 Jahre alt, bis vor kurzem hat sie sogar noch als Psychoanalytikerin gearbeitet. Die Begegnung mit Alberto Giacometti habe ihr Leben verändert, sagt Paola Caròla heute. Ihr reicher Ehemann wollte in den 50ern, dass sich seine junge Frau von einem berühmten Künstler portraitieren lässt.

Die Antwort der damals 28-Jährigen war entschieden: "Ich hab mich kategorisch geweigert, weil ich das für eine altmodische Idee hielt. Ich war jung! Aber dann hat mein Mann immer wieder darauf bestanden. Also sagte ich irgendwann: entweder Giacometti oder keiner."

Keine Skulptur war für ihn je fertig

Ausgerechnet - der Bildhauer der einsamen ausgemergelten Strichfiguren. Es ging Giacometti nie um ein naturnahes Abbild, sondern er wollte die Wahrnehmung selber wiedergeben. Die Erfahrung seines Blicks. Dafür musste er reale Personen in seinem Atelier haben, die ihm Modell saßen. Aber Auftragsarbeiten - undenkbar! Paola Caròla erinnert sich: "Drei Mal bin ich zu seinem Atelier gegangen, und zum Schluss sagte er: 'Sind Sie sicher, dass Sie für mich posieren wollen? Fantastisch, denn meine Frau Annette ist krank und ich brauche ein Modell.'"

Damit war er nun der Auftraggeber. Still wie ein Apfel habe sie in seinem engen Pariser Atelier gesessen - sechs Monate im Jahr 1958. Giacometti habe konzentriert gearbeitet, aber auch viel mit ihr geredet, häufig wieder von vorn angefangen. Ein Besessener, der seine Arbeit einmal so beschrieb: "Ich will mich auf die gleichen Themen beschränken und sie so weit wie möglich treiben ohne zu fragen wohin mich das führt. Denn je mehr man scheitert, desto mehr erreicht man." Keine Skulptur war für Giacometti jemals fertig, er gab immer irgendwann auf - so auch bei der Büste von Paola. In diesem ständigen Scheitern schuf er dennoch oder gerade deshalb eines der größten bildhauerischen Werke des 20. Jahrhunderts.

Lebendigkeit durch Distanz

Warum erscheinen seine Skulpturen immer wie Aliens aus einer fremden Welt - dieser Frage geht die Wolfsburger Ausstellung nach. Ihre These: Giacomettis Figuren schaffen ihren eigenen Raum, der getrennt ist vom Betrachter. Dieses Erlebnis hat das Kunstmuseum mit einer eigens dafür gebauten Architektur großartig umgesetzt. Markus Brüderlin, Direktor Kunstmuseum Wolfsburg, erläutert das so: "Je mehr sie sich der Figur nähern, um so mehr entfernen sie sich wieder. Das ist immer das Grunderlebnis bei Giacometti. Man sieht etwas in der Ferne, man denkt, es kommt näher, spürt aber, es ist ganz fern, weg."

Auch Paola Caròla beschreibt, dass sie das Gefühl hatte, Giacometti selbst brauchte seinen eigenen Raum, habe sich isoliert. Doch gerade diese Distanz im Atelier - genau das gab ihr als Modell das Gefühl, lebendig zu sein: "Dieses Stillsitzen vor ihm, seinen Blick auf mich gerichtet - auf eine geheimnisvolle Weise hat das mein Leben verändert. Denn Stück für Stück bekam ich das Gefühl, in diesem Raum, mit diesem Mann vor mir, mich selbst wirklich zu erkennen."

"Seine Arbeiten haben eine Seele"

Heute ist Paola Caròla Vizepräsidentin der Giacometti Stiftung in Paris. Eines der größten Probleme der Stiftung: Giacometti-Fälschungen. Allein im vergangenen Jahr wurden über 1000 nachgemachte Skulpturen in einem Lager in Mainz sichergestellt. "Man bräuchte eigentlich einen Katalog mit den Fälschungen und einen mit den Originalen", meint Caròla, "da würde jeder sofort den Unterschied erkennen. Denn Giacomettis Arbeiten haben eine Seele - diese Seele spüren Sie nicht in den Fälschungen."

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