Die Nacht vor dem Crash

Ein Thriller über die große Finanzkrise auf der Berlinale

Die Berlinale bleibt ihrem Anspruch treu, Filme zu präsentieren, die aktuelle Probleme und Umbrüche in der Welt abbilden. "Margin Call" ist so einer. Der junge amerikanische Regisseur JC Chandor blickt in seinem Wirtschafts-Thriller - seinem Erstling - auf 24 Stunden im Innern einer Wall Street-Investmentfirma. Es sind die entscheidenden Stunden unmittelbar vor dem Crash, der die Finanzkrise im Jahr 2008 auslöste.

An der ist jene fiktive Firma mitschuldig. Noch jonglieren Vermögensberater, Broker und Börsenmakler ohne schlechtes Gewissen mit hohen Einsätzen und erzielen schwindelerregende Gewinnmargen. Doch es zeichnen sich bereits harte Einschnitte ab. Alles beginnt damit, dass viele Fachleute plötzlich entlassen werden. Zu ihnen gehört auch der Top-Risk-Analyst Eric (Stanley Tucci). Bevor er gehen muss, kann er seinem jungen smarten Kollegen Peter (Zachary Quinto) noch brisante Daten übergeben.

Vor dem Ruin

Der traut seinen Augen nicht: Er entdeckt, dass die Aktiva im aufgeblähten Hypothekengeschäft bei weitem nicht den Wert besitzen, der in den Büchern ausgewiesen ist. Das Unternehmen steht am Rand des Ruins. Er alarmiert seine Vorgesetzten Will (Paul Bettany) und Sam (Kevin Spacey). Blankes Entsetzen: In der Nacht kommen alle Führungskräfte - unter anderem dargestellt von Jeremy Irons und Demi Moore - zu einer Krisensitzung zusammen.

Wie reagieren? Mit allen Mitteln die Firma retten und damit den Markt und die Anleger ruinieren oder die Verantwortung für die Fehlspekulationen übernehmen? Gegen die Bedenken des mit moralischen Zweifeln behafteten Sam - Kevin Spacey spielt ihn herausragend - wird beschlossen, in einem "fire sale" sämtliche "vergifteten" Papiere abzustoßen, obwohl sie wertlos sind.

Undurchschaubare Maschinerie

Mit seinen unterschiedlichen Charakteren - vom jungen Aufsteiger über den aufrechten, besonnenen Mitarbeiter bis zum eiskalten Vorstandsvorsitzenden - gelingt "Margin Call" ein recht differenziertes Bild der Vorgänge und Menschen, die die Krise verursachten. Der Film macht deutlich, dass die Maschinerie derart groß und komplex geworden ist, dass selbst viele darin arbeitende Analysten nicht die zerstörerische Macht begriffen, die von ihr ausging.

"Margin Call" ist ein hochkarätig besetztes, dialoglastiges Kammerspiel, das kühl und beklemmend die bevorstehende Katastrophe seziert. Ohne plumpe Schwarzweiß-Malerei zeigt er, dass sich hier alles um Profit dreht, egal, um welchen Preis. Peter muss sich am Ende des Tages fragen, ob es wirklich ein sinnvoller Lebensinhalt ist, Handelspapiere in hochriskanten Transaktionen hin- und her zu verschieben.

Nah an der Realität?

Auch wenn der Vater des Regisseurs 40 Jahre bei Merrill Lynch tätig war: Wie nah an der Realität Chandors Film ist, können bei den komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhängen wohl nur Finanzexperten beurteilen. Doch der Zuschauer muss keineswegs jedes Detail verstehen, um den Film spannend zu finden.

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