Die Nazis in Paris

Klaus Harpprecht über die Rolle der Kultur in der Besatzungszeit

August 1944: Paris feiert seine Befreiung von der Nazi-Okkupation. General de Gaulle marschiert über die Champs Elysées - und in den Kinos läuft ein großartiger Film an: "Die Kinder des Olymp". Ein Kostümschinken - zum Glück, denn so fällt nicht auf, dass der Film noch unter deutscher Besatzung gedreht wurde. In der Hauptrolle: Arletty, Frankreichs umjubelte Filmdiva. Zur Filmpremiere aber darf sie nicht kommen.

Sie gilt als Kollaborateurin und muss mit Hausarrest büßen. "Sie sagte damals, sie sei von der meist eingeladenen Dame von Paris zur meist gemiedenen geworden", sagt der Journalist und Schriftsteller Klaus Harpprecht.

Man richtete sich ein mit den Besatzern

Arlettys tiefer Fall war ein Absturz aus Liebe. Denn die Grande Dame des französischen Kinos hatte sich ausgerechnet in der Besatzungszeit in einen deutschen Luftwaffen-Offizier verliebt. Vor dem grausamen Schicksal vieler anderer französischer Frauen, die ihr Herz einem Mann in deutscher Uniform geschenkt hatten, schützte Arletty allein ihre Prominenz.

In seinem Buch "Arletty und ihr deutscher Offizier" erzählt Klaus Harpprecht jetzt von den Fallstricken der "Liebe in Zeiten des Krieges". Doch Harpprecht geht weit über das Schicksal der Filmdiva hinaus. Seit langem interessiert ihn, der seit 30 Jahren in Frankreich lebt, wie sich Franzosen und Deutsche damals begegneten - in den Zeiten der Okkupation. Sein Fazit: Man richtete sich in Paris ganz passabel ein mit den Besatzern. Die Zusammenarbeit mit den Deutschen, die "Collaboration", empfanden die meisten Franzosen nicht als Schmach, sondern als Alltäglichkeit. Den Widerstand aber - die vielbeschworene "Résistance" - verweigerten bis kurz vor Kriegsende die meisten. Auch Frankreichs überraschend schnelle Kapitulation spricht für einen Mangel an Widerstandswillen.

"Bloß nicht als deutscher Vielfraß auffallen!"

Harpprecht glaubt , "dass es eine kollektive unterbewusste Neigung oder einen Willen gab, Frankreich nicht die gleichen Opfer zuzumuten, die sie der 1. Weltkrieg gefordert hat, wo jeder zehnte Mann im arbeitsfähigen Alter gefallen war." Die deutschen Besatzer kamen mit der Peitsche, aber mehr noch mit Zuckerbrot. Am Arc de Triomphe ehrten Frauen und Männer der deutschen Luftwaffe die französischen Gefallenen des 1. Weltkriegs. Hitler - so sprach sich herum - besichtigte bei seiner Visite in Paris nicht nur den Eiffelturm, sondern blieb lange im Invalidendom - voller Ehrfurcht vor dem Sarkophag Napoleons.

Für den gewöhnlichen deutschen Soldaten galt: Höflich grüßen, auf der Straße nicht rauchen und Kragenknöpfe immer ordentlich geschlossen halten. "Nicht mehr als drei Gänge im Restaurant, bloß nicht als deutscher Vielfraß auffallen!", so beschreibt es Harpprecht. "Es gab damals, vor allem in den bürgerlichen Schichten, einen tiefen Respekt vor der französischen Zivilisation."

Blühendes Kulturleben

Und Arletty? Sie drehte fleißig in dieser Zeit - wie Tausende andere auch. Unter deutscher Okkupation entstanden nicht weniger als 220 Filme. "Es war eine schizophrene Situation in Paris", so Harpprecht, "auf der einen Seite die furchtbaren Schatten der Razzien, der Deportationen. Zum anderen herrschte ein kulturelles Leben, von dem man nur sagen kann, dass es blühend gewesen ist."

Ein Paradox, auf das Harpprecht auch in der Literatur- und Theaterwelt stieß: Jean-Paul Sartre legte 1943 sein philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" vor. Jean Cocteau sorgte immer wieder für Theaterskandale und schrieb seinem Geliebten Jean Marais die ersten Rollen auf den Leib. Auch die große Simone de Beauvoir oder Marguerite Duras debütierten in den Jahren der deutschen Besetzung. Harpprecht wurde bei seinen Recherchen selbst überrascht: "Es ist erstaunlich, welche Art von Büchern erscheinen konnten: Ich wusste nicht, dass das erste Buch von Camus in der Besatzungszeit erschienen ist."

Ernst Jünger traf auf Picasso

Noch erstaunlicher, dass ein deutsch-nationaler Denker wie Ernst Jünger, der mit einer Ehrenkompanie ins besetzte Paris eingeritten war, sich im Maleratelier des bekennenden Linken Pablo Picasso einfand. In den Augen der Nazis galt Picasso als Inbegriff des entarteten Künstlers. Sein Bild "Guernica" - Picassos Anklage gegen den Faschismus - besiegelte sein Ausstellungsverbot. Und dennoch behauptete Picasso seine künstlerische Anziehungskraft. "Jünger hat Picasso besucht und ist sehr freundlich empfangen worden" so Harpprecht. "Sie hatten ein sehr angeregtes Gespräch, das dann schließlich Picasso mit dem Satz beendet hat: Also wenn wir beide den Frieden aushandeln müssten, dann wäre das in zwei Stunden erledigt."

Als die Alliierten in Paris einrückten, zogen die deutschen Truppen weitgehend friedlich ab. Klaus Harpprecht sieht darin den Erfolg der Selbstbehauptung der französischen Kultur: Sie nötigte den Deutschen Respekt genug ab, um von ihrer Zerstörung abzulassen. Frankreichs Kultur blieb unbezwingbar.

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