Die neue Landeuphorie

Auf dem Lande - ein Hausbesuch bei Hilal Sezgin

"Landleben - Eine, die raus zog" heißt das Buch von Hilal Sezgin. Sie beschreibt ihren Umzug aus Frankfurt auf einen Bauernhof in der Lüneburger Heide.

Idyllisch ist er, der Bauernhof der Autorin. Seit vier Jahren wohnt und schreibt Hilal Sezgin in einem Dorf südlich von Lüneburg. Frankfurt hat sie hinter sich gelassen - Beton, Verkehr, Schaufenster und Starbucks-Cafés hat sie eingetauscht gegen das so genannte einfache Leben auf dem Land, das sie in ihrem Buch beschreibt.

Pflege von ausgemusterten Legehennen

Was genießt sie hier besonders? "Erst einmal den Blick", sagt sie, "dass ich jeden Tag etwas sehe, das so schön ist. Früher wäre ich dafür in den Urlaub gefahren. Es gibt jeden Tag mindestens einen Moment, in dem mir das Herz aufgeht, weil ich etwas Schönes sehe. Und dann habe ich natürlich die Tiere, mit denen ich unheimlich gern lebe." Ein paar Schafe hat sie bei ihrer Ankunft auf den Hof übernommen, inzwischen sind es 44 - ihre liebsten Nachbarn. "Ich hatte vorher keine bestimmte Beziehung zu Schafen. Ich habe sie so nach und nach kennengelernt", erzählt Hilal. "Dann wurde mal eines geboren oder es ist auch mal eines gestorben. Wenn sie krank waren, habe ich mich um sie gekümmert."

Und dann gibt es noch die Hühner. Die hat Hilal aus einer Legefarm gerettet: "Die haben kein besonders schönes Leben gehabt und wenn ich sie so bekomme, dann versuche ich, ihnen noch ein paar Monate zu schenken." Nach einem Jahr werden Legehennen meistens geschlachtet, weil sie keine Leistung mehr bringen. Bei jeder Aufräumaktion schaffen es ein paar Hühner, sich zu verstecken. Hilal nimmt die kranken Hennen mit auf ihren Hof und pflegt sie, bis sie wieder draußen rumhüpfen können.

Die Herkunft spielt keine Rolle im Dorf

Dass die Tiere sich über so viel Liebe freuen, ist klar, aber wie wurde sie von den Dorfbewohnern empfangen? "Ach, wunderbar. Sie haben mich praktisch mit offenen Armen aufgenommen", sagt Hilal. "Ich bin aber auch nicht die einzige Zugezogene. Es ist kein verlassenes Dorf, in dem einen ein sehr billiges Haus hinterher geworfen wird, weil alle keine Arbeit haben. Es ist ein Dorf, in dem auch immer wieder Leute zuziehen, in dem Leute verschiedene Berufe haben. Es ist sozusagen ein blühendes Dorf."

Hilal Sezgin beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Landleben. Die Philosophin hat gerade ein Buch zur Islamdebatte herausgegeben. Wie reagieren die Leute hier auf ihren türkischen Namen? "Eigentlich optimal", sagt sie, "sie haben mich gar nicht gefragt. Ich finde es störend, wenn man sich immer erklären muss - zu welcher Schublade man gehört, wo kommt der Name her, was bedeutet dies und das. Mich hat hier niemand gefragt. Die Leute gehen mit mir einfach so als Individuum, als Nachbarin um."

Ziegen-Maniküre und Schaf-Fieber

Neben ihrem oft selbstironischen Bericht über das "Landleben", versucht das von ihr herausgegebene "Manifest der Vielen" eine Antwort auf Sarrazin - von 30 deutschen muslimischen Autoren. Spielt es im Dorf eine Rolle, dass Hilal Muslima ist? "Nein, eigentlich nicht. Die Menschen hier in meiner nächsten Umgebung sind sehr gläubige Protestanten", sagt Hilal. "Von ihnen werde ich auch ganz fleißig zum Gottesdienst eingeladen, aber nicht missionarisch, sondern weil man das einfach zusammen macht. Wir haben auch mal über den Islam geredet, aber auf eine sehr lockere Weise."

Große Fragen. Doch draußen ruft wieder die Pflicht. Der Tierarzt ist da. Ziege Lilly hat zu lange Klauen und braucht Maniküre. Und ein armes Schaf hat Fieber. Hinter dem Glück auf dem Bauernhof steckt ganz schön viel Arbeit.

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