Die Post-Optimisten

Die Generation der "End-Zwanziger"

Die so genannte Jugend hat immer einen schlechten Ruf. Doch einen so schlechten Ruf wie die jetzt unter 30-Jährigen hatte schon lange keine Generation mehr. Genau genommen hat sie nämlich gar keinen: Sie rebelliert nicht, sie hat keine Ideale, keine Idole, keine Utopie.

Sie gilt als verwöhnt, angepasst, konsumfreudig, oberflächlich, politisch desinteressiert, sie plappert ihre Nichtigkeiten in alle Welt. Stimmt das alles? Oder sind das nur Klischees? Keineswegs, sagen vier junge Schriftsteller, die über ihre Generation schreiben: Antonia Baum, Leif Randt, Meredith Haaf und Nina Pauer. Vier Bücher: zwei Sachbücher und zwei Romane, die dem Lebensgefühl der End-Zwanziger auf die Spur kommen.

Ewiges Kreisen um sich selbst

Meredith Haaf, Autorin des Buches "Heult doch", diagnostiziert Ängste: "Ängste, zu kurz zu kommen. Ängste, zu viel zu erwarten. Ängste, zu versagen. Ängste, es vielleicht doch nicht genug probiert zu haben. Ängste, sich fest zu legen, aber auch irgendwie Ängste davor, sich nicht fest zu legen." Nina Pauer ("Wir haben keine Angst") meint: "Das ist eben dieses ewige Kreisen um sich selber, dieses ständige Fragen, ob man alles richtig macht und ob man sich auch nach außen gut genug darstellt."

Antonia Baum beschreibt ihre Generation im Titel ihres Buches als ""vollkommen leblos, bestenfalls tot". Sie hält alle ihre Altersgenossen für überfordert: "Das sind so viele Durchsagen, die gemacht werden und auch das gehört dazu: Sei du selbst, sei authentisch, finde dich selbst." Leif Randt, Autor von "Schimmernder Dunst über Coby County", beobachtet an sich selbst: "Als ich dann mit der Schule fertig war, da war ich sehr traurig, weil ich dachte: 'Jetzt ist die Jugend vorbei, das Beste ist sowieso vorbei. Ich kann jetzt nur noch Schadensbegrenzung betreiben sozusagen.'"

Getrimmt auf "Keine Zukunft, wenig Zeit"

Es verwundert nicht, dass angesichts dieser Lage eines der Bücher "Heult doch" heißt. Sind das also nur die Problemchen gut ausgebildeter Mittelstandskinder? Die Wehwehchen von Leuten, die mit ihrem Latte Macchiato herumspazieren, während überall auf der Welt die Altersgenossen auf die Barrikaden gehen? "Pseudoprobleme haben wir offensichtlich nicht. Denn uns geht es ja wirklich, offensichtlich schlecht", sagt Nina Pauer. "Die Symptomatiken sind ja manifest, die Therapiezahlen und die psychosomatischen Erkrankungen, denen wir ja schon in unseren jungen Jahren leiden, die gibt es ja. Und gleichzeitig leiden wir ja an Problemen, die an unserem Priviligiertsein liegen."

Meredith Haaf
Meredith Haaf Quelle: ZDF

"Es kommt immer so reflexhaft", beobachtet Antonia Baum. "'Ja, ja, wenn die es mal richtig schwer gehabt hätten, wenn die einen vernünftigen Krieg mitgemacht hätten, dann würden die schon wissen, was Leiden wirklich bedeutet'. Das stimmt, aber das ist wenig weiterführend." Antonia Baum hat einen Roman geschrieben, der eine Abrechnung mit der Erfolgs- und Glückstyrannei ist: "In den Klassenzimmern haben sie uns jahrelang terrorisiert mit ihren Einschüchterungs-Parolen über die Zukunft und über Berufe mit beziehungsweise ohne Zukunft und wenig Zeit, das habe sie immer wieder gesagt, dass wir keinen Zeit haben und uns beeilen müssen mit den Versetzungen, die zu einem schnellen Abitur, zu einem Abitur in zwölf Jahren, führen, für das wir gute Noten und einen guten Schnitt erwirtschaften müssen und danach sofort den Bachelor und dann den Master anfangen beziehungsweise bereits beendet haben müssen." (Zitat aus "völlig leblos, bestenfalls tot")

"Das Beste ist sowieso schon vorüber"

Leif Randt zeigt mit seinem preisgekrönten Roman "Schimmernder Dunst über Coby County", was es bedeutet, so vollkommen in Watte gepackt zu sein. Coby County ist ein fiktiver Ort, der auffällig an das kreative Berlin Mitte erinnert -nur viel besser. Eine Welt, wo Schmerzfreiheit das höchste Lebensziel ist, wo die Menschen wie freundliche Roboter miteinander umgehen, wo man Liebesbeziehungen aus Prinzip per SMS beendet. "Seit Carlas SMS sind erst fünfzig Minuten vergangen, doch ich stehe nicht mehr unter Schock und empfinde auch keine Trauer. Viel eher ist es eine leicht abgestandene Melancholie, die ich jetzt fast dankbar in Empfang nehme." (Zitat "Schimmernder Dunst über Coby County")

Eine vertrackte Situation für diese melancholischen Wesen: Das Beste ist sowieso schon vorüber, Eltern und Gesellschaft fordern nur Selbstoptimierung und an die Idee der Gemeinschaft glaubt man nicht mehr. Post-Optimismus wird das in einem der Bücher genannt. Was also tun? Zwei symptomatische Antworten haben wir bekommen: "Ich glaube, wenn wir darüber sprechen würden, wie ich das in diesem Buch gruppentherapeutisch vorschlage, dann könnten wir uns vielleicht wieder um die Welt kümmern und nicht nur um uns selber." (Nina Pauer) und "Wofür es sich irgendwie lohnt zu leben, jedenfalls für mich, sind doch Illusionen, dass man denkt, es könnte was Schönes passieren, vielleicht morgen oder in zwei Jahren oder wenn ich vierzig bin." (Antonia Baum)

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