Die Rache des Tigers

Ein dokumentarischer Thriller

Sibirien, das Reich des Amur-Tigers. Die größte Raubkatze der Welt galt Jahrhunderte lang als unangefochtener Zar des Waldes. Heute ist der Tiger vom Aussterben bedroht. Der Mensch hat sich als größeres Raubtier erwiesen.

"Es gibt einen Grund, warum die Ureinwohner nicht mit Tigern in Konflikt gerieten", so John Vaillant, Autor des Doku-Thrillers "Der Tiger. Auf der Spur eines Menschenjägers. "Sie haben die Tatsache akzeptiert, dass der Tiger der überlegene Jäger ist. Er war der Herrscher ihrer Welt. Deshalb haben sie nicht mit ihm konkurriert, nicht versucht, ihn zu unterdrücken oder gar zu zähmen. Sie respektierten ihn, indem sie ihm den Vortritt ließen: Nach Ihnen, Sir. Das hat sich geändert."

Gezielte Jagd auf Menschen

Im Dezember 1997 wird Juri Trusch ins abgelegene Bikin-Tal gerufen. Trusch leitet die "Inspektion Tiger", eine bewaffnete Einheit, die in der Region Primorje das Überleben der letzten Großkatzen sichern soll. Doch ausnahmsweise geht es nicht um einen erlegten Tiger, ein Mann soll angefallen worden sein. Als die Männer das kleine Dorf Sobolonje erreichen, ahnen sie noch nicht, welch grausamer Anblick sie erwartet. Die tellergroßen Spuren des Tigers sind nicht zu übersehen - offenbar ein gewaltiges Tier. Nicht weit entfernt von der Jagdhütte eines Wilderers finden sie dessen verstümmelte Leiche. Sein Name: Vladimir Markov.

"Als Juri Trusch die Spuren näher untersuchte, merkte er, dass sich der Tiger eine ganze Zeit lang um die Hütte herumgetrieben hatte, vielleicht sogar einige Tage", erzählt Vaillant. "Das machte ihm Angst. Der Tiger hat nicht wahllos Menschen gejagt. Er hat Markov gejagt! Aber warum sollte er das tun?" Vladimir Markov ist - wie die meisten Einheimischen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - auf das angewiesen, was der Wald ihm bietet. Wenige Tage vor seinem Tod findet er ein erlegtes Wildschwein - die Beute eines Tigers. Markov fühlt sich sicher und nimmt, was er tragen kann. Doch der Tiger hält sich noch in der Nähe auf - er muss nur dem Fleischgeruch folgen.

Quittung für den Tötungsversuch

Es wird bereits dunkel, als Markov in seine Hütte zurückkehrt. Spätestens jetzt merkt er, dass er einen großen Fehler gemacht hat: Der Tiger erwartet ihn bereits. Ganz gezielt macht er Jagd auf den Wilderer. Die Spuren, die Markov am nächsten Morgen findet, sprechen eine deutliche Sprache. "Der Tiger hat nachts immer wieder die Hütte umkreist, hier etwas zerstört, dort etwas abgerissen, Blut an die Tür geschmiert, hier und da seinen Kot abgelassen. Im Grunde sagte er damit: Das gehört jetzt mir. DU gehörst jetzt mir."

Markov entscheidet sich dafür, den Kampf aufzunehmen. Sein Schuss tötet das Raubtier zwar nicht, vertreibt es aber erst mal. Wie auf einer bizarren Abschiedstournee sucht Markov seine weit verstreut lebenden Nachbarn auf, bleibt aber nie lange, um keinen zu gefährden. Vielleicht ahnt er schon, dass sein Todesurteil bereits gefällt ist. Er schafft es nicht mehr bis nach Hause. "Das Gesetz des russischen Dschungels lautet: Wirst du von einem Tiger getötet, weil du versucht hast, ihn zu erschießen, ist das nur die Quittung", so Vaillant. "Das ist gerecht. Das ist der Ausgleich. In so einem Fall würde man den Tiger nicht mal verfolgen."

"Ziemlich gruselig"

Die Hoffnung, der Menschfresser würde einfach verschwinden, erfüllt sich nicht. Ums Dorf werden Spuren gefunden, ein Toilettenhäuschen wird verwüstet. In den Wald wagt sich niemand mehr. Außer einem - und der kommt nicht zurück. Die "Inspektion Tiger" findet nur noch die Kleider des zweiten Opfers. Der Tiger wollte den Unglücklichen nicht einfach fressen, er wollte ihn auslöschen. "Dieser Tiger wechselte seine Methoden, seine Kost, seine ganze Aufmerksamkeit innerhalb einer Woche von Waldtieren zu Menschen und ihrem Besitz, ihren Siedlungen und Hütten", sagt Vaillant. "Der Tiger entwickelte blitzartig eine völlig neue Kompetenz. Mit jedem neuen Angriff kannst du ihm dabei zusehen, wie er seine Technik weiterentwickelt. Ziemlich gruselig."

Bereits vier Tage später trifft die Abschussgenehmigung aus Moskau ein. Bald stehen sich Wildhüter und Tiger Auge in Augen gegenüber. Es kommt zum Showdown. Bei der anschließenden Untersuchung finden die Jäger dutzende Kugeln in dem Kadaver. Der Tiger war in seinem kurzen Leben bereits zuvor mehrmals angeschossen worden. Die Aggression des Tieres war vom Menschen gemacht. John Vaillants "Der Tiger": spannend, glänzend recherchiert, ein leidenschaftliches Plädoyer für den Schutz dieser bedrohten Tierart.

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