Die Radikalität des Alters

Margarete Mitscherlich, 93, über das Leben und den Tod

Jetzt ist sie 93 alt, die Grande Dame der Psychoanalyse, die scharfe Gesellschaftskritikerin: Margarete Mitscherlich. Alle ihre Theorien holen sie nun ein. Das Greisenalter ist die Stunde der Wahrheit.

Was hat jetzt noch Bestand im Leben? Was hilft ihr jetzt noch Sigmund Freud? Das Alter ist rücksichtslos. "Es geht ja langsam. Man verliert Jugend und Schönheit und das Leben ist, wenn Sie so wollen ein einziger Abschied", sagt Margarete Mitscherlich im aspekte-Gespräch. "Es ist ein Abschied auch von der Schnelligkeit des Denkens, wenn sie so wollen und es ist ein immerwährender Abschied bis zu dem Alter, indem ich jetzt bin. Man ist nicht mehr gespannt auf Zukunft. Man muss sich nicht mehr anstrengen, große Rivalitäten oder sonstiges empfinden und man weiß: So furchtbar wichtig sind sie auch nicht mehr."

"Sexualität gibt es immer"

Sich dem Alter zu widersetzten, ja es zu ignorieren - das gilt vielleicht als wahres Vorbild in einer alternden, gleichwohl dem Jugendwahn verfallenen Gesellschaft. So sind Sport und Liebe im Alter brandaktuelle Themen von Spielfilmen. Margarete Mitscherlich hat sich als Freudianerin seit jeher mit der Sexualität beschäftigt - Sexualität als Triebfeder des Lebens von Geburt an: "Sexualität gibt es immer. Und solange jemand lebendig bleibt und entsprechende biologische Gefäßsysteme hat, die den Körper durchbluten. Wenn das aufhört, das Herz zu schlagen aufhört, hört natürlich auch die Libido auf - die zum Essen und auch die sexuelle. Das hat sicherlich mit den Hormonen, solange die aktiv sind, zu tun. Aber es bleibt als Möglichkeit - als Gefühlsmöglichkeit ohne Zweifel - bis zum Tode bestehen, wenn man nicht todkrank und der Körper total geschwächt ist."

1917 wird Margarete Mitscherlich in Dänemark geboren, geht zum Medizinstudium nach Deutschland. Sie flieht vor den Nazis in die Schweiz, wo ihr 1948 die große Liebe, der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, ihr späterer Ehemann, begegnet. Mit ihm bekommt sie ihr einziges Kind. Sie holen die von den Nazi verfemte Lehre Freuds zurück nach Deutschland. Gemeinsam schreiben sie 1965 das Standardwerk über Schuld der Deutschen: "Die Unfähigkeit zu trauern". Die Mitscherlichs sind von nun an auch ein politisches Gewicht in Deutschland. Mit Alice Schwarzer steht Margarete Mitscherlich an der Spitze der Frauenbewegung, finanziert die erste Ausgabe der Emma mit. 1960 gründet sie mit ihrem Mann das Sigmund-Freud-Insitut. Dort praktiziert sie bis heute.

Wissen um den Tod - und ihn vergessen

"Freud hat bis zum Ende seines Lebens immer dazugelernt, und es ging ihm sehr schlecht wegen seines Kiefernkrebses. Trotzdem hat er die radikalsten Schriften zum Schluss noch geschrieben", sagt Mitscherlich. "Er hat noch den Todestrieb als solchen, als natürlichen Trieb des Menschen entdeckt. Viele Menschen werden noch sehr viel radikaler im Alter, weil sie unerschrocken der Wahrheit des Lebens und auch der begrenzten Lebensdauer gegenüberstehen. Die Radikalität des Alters, ja sie mag sein, weil ja das Alter radikaler denken kann, insofern als die Alten wissen, dass sie keine Zukunft mehr haben. Sie brauchen nicht an eine Zukunft zu denken, denn sie haben keine mehr."

Das Alter ist radikal. Und nichts ist radikaler als der Tod, nichts normaler als die Angst davor. Das Ende des Lebens, ist es eine unvermeidbare Katastrophe? Was hilft dann noch? Der Glaube an das Jenseits? "Ich bin nicht so naiv, dass ich glaube, dass ich in den Himmel komme und da wunderbare Dinge auf mich warte - der Himmel quasi ein besseres Diesseits darstellt", so Mitscherlich. "Niemand kann sagen, was nach dem Tode ist. Aber je älter Sie werden, umso mehr lernen Sie mit der Tatsache zu leben, bzw. zu wissen, dass es so ist, aber es gleichzeitig zu vergessen."

Noch lange Spaß haben

Ist die so kämpferische Frau im Alter milder geworden? Der letzte Lebensabschnitt: ein Leben im Hier und Jetzt, den Tod nicht als Tragödie empfinden. Das ist die Aufgabe, meint Margarete Mitscherlich: "Angst habe ich eigentlich wenig. Es ist so, es ist das Ende des Lebens, und Sie wünschen sich, dass Sie möglichst noch lange Spaß am Denken, an Menschen, am Lesen haben - ein entzückendes Urenkelkind haben und daran Spaß haben."

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