Die schöne Idee vom Landleben

Ist sie ein großes Missverständnis?

Das Bürgertum veranstaltet Bauernhof, kocht Obst ein, renoviert im Landhausstil oder pflegt den Schrebergarten mit noblem Gartengerät von Manufactum. Das gehobene Landleben liegt im Trend, und die Städter haben die Natur als großes Heilsversprechen wiederentdeckt.

Ein Landwirt bei der Arbeit Quelle: dpa

Das Land boomt auf allen Kanälen, zur Zeit auch im Kino mit der Komödie "Immer Drama um Tamara". Tamara kehr zurück in ihr Heimatdorf, ein, wie im Film heißt, "Scheiss-Kaff". Von wegen: Alle träumen sich da hin. Im Fernsehen bedient "Bauer sucht Frau" gleich zwei Sehnsüchte: Liebe und dann noch auf dem schönen Land. Auf dem Zeitschriftenmarkt explodieren die Auflagen der Landtitel geradezu: Eine von ihnen ist der größte Zeitschriftenerfolg in unserem Lande überhaupt: "Landlust".

Bauer spielen

Einst für Landfrauen konzipiert, wird sie heute von Städterinnen gelesen. "Landlust"-Chef Karl-Heinz Bonny weiß: "Unsere eigentliche Kernzielgruppe, Bäuerinnen und Landfrauen, beträgt nur noch zehn Prozent der Leserschaft." Denn die Bäuerin interessiert sich weniger fürs Landhäuser-Renovieren oder altes Handwerk, sie braucht kaum Strickanleitungen - die schönsten Seiten des Landlebens kann der Städter besser genießen. "Bauer zu sein, Landwirt zu sein, ist für die meisten realistisch gar kein Traum", sagt Philosoph Dieter Birnbacher: "Aber natürlich Bauer zu spielen oder sich in die Rolle hineinzuversetzen im eigenen Kopf oder dran zu schnuppern wie im 'Urlaub auf dem Bauernhof', das ist etwas anderes."

Mit den eigenen Händen in der Erde wühlen: Wenn das Bürgertum Bauer und Gärtner spielt, dann lässt es sich das zuweilen was kosten: Garten-Anrichte für 1400 Euro gefällig? Oder edle Gieskannen für die Kleinparzelle, ein geflochtener Gartenhut für schlappe 59 Euro? Na ja, Landbesitz und Garten sind schon traditionellerweise eher Attribute der Aristokratie.

"Landlust" versus "top agrar"

Das Gute an den Kleingarten und Zeitschriften-Träumen ist: Mit der Realität in der Provinz müssen sie sich meist gar nicht messen. Es sei denn, "Idealisierungen haben leicht etwas bedenkliches, wenn sie zu entsprechenden falschen Handlungsstrategien führen", meint Philosoph Birnbacher: "Wenn man zum Beispiel die Fehlentscheidung trifft, tatsächlich aufs Land zu ziehen, zersiedelt wird."

Im selben Verlag wie "Landlust" erscheint seit über 40 Jahren bereits das Fachmagazin "top agrar". Duchblättert man es, sieht man das wahre Landleben: dicke Maschinen, Gülle und Melkstände. Ausgerechnet im Fachverlag kam man 2005 auf die Idee, von nun an auch die Lust am Land, den Traum zu verkaufen. "Die Anzahl der Bauernhöfe wird regelmäßig, Jahr für Jahr, um drei bis vier Prozent kleiner", sagt "Landlust"-Chef Bonny. "Uns war klar: Irgendwann wird die Zielgruppe kleiner werden, und wir brauchen neue Potenziale im Leser und Anzeigenmarkt." Schweinemast und Maisanbau interessieren die Städter genauso wenig wie der neuste Schrei auf dem Lande: der Erogator, Spritzen mit Diesel und Strom.

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