Die Thriller der Helen Fitzgerald

Seltene Mischung: Gewalt, Mord, Verbrechen - gepaart mit Humor

Drei Jahre war Helen Fitzgerald nicht mehr in Schottlands größtem Gefängnis "Barlinnie" - seit sie ihren Job als Bewährungshelferin geschmissen hat. Sie wollte lieber darüber schreiben, statt jeden Tag realen Verbrechern zu begegnen.

Wir drehen bei einer Lesung in der Gefängnisbibliothek - in blau gekleidete Untersuchungshäftlinge betreten den Raum, andere in roter Kluft, das heißt: schon verurteilt.

"Ich musste das alles los werden"

Helen Fitzgerald stellt ihren neuen Roman vor. Sie liest ein Stück daraus vor: "Tipps für Bewährungshelfer: Schmuggeln Sie kein Heroin ins Gefängnis. Trinken Sie keinen Wodka zum Stressabbau. Geben Sie nie einem Kollegen einen Zungenkuss. Hätte ich diese Dinge beachtet, wäre der Tag meiner Hochzeit vielleicht der schönste meines Lebens geworden. Ich hätte Champagner geschlürft. Stattdessen schluchzte ich vor Entsetzen. Es war alles meine Schuld. Weil ich mich im ersten Monat so dämlich angestellt und all die Sachen gemacht hatte, die ein Bewährungshelfer niemals machen sollte."

Helen Fitzgerald nach einer Lesung im Gefängnis "Barlinnie"
Helen Fitzgerald nach einer Lesung im Gefängnis "Barlinnie" Quelle: ZDF

Nicht dass sie das alles selbst erlebt hätte: In Fitzgeralds Romanen steht Krissie Donald im Zentrum, eine Bewährungshelferin, ehrlich, chaotisch, fehlerhaft - die sich ständig in neue problematische Situationen bugsiert. Wie ihre Heldin hatte auch Fitzgerald mit Mördern zu tun, hat Vergewaltiger betreut oder Kinderschänder getroffen. "Ich musste das alles los werden", sagt Fitzgerald, "deshalb habe ich angefangen, darüber zu schreiben. Jeden Tag traf ich diese Männer, die schreckliche Dinge getan, sich an Kindern, Frauen oder wem auch immer vergriffen hatten. Es wurde immer schwieriger - auch weil Sozialarbeit oft wenig unterstützt wird."

Sie hat den rauhen Humor Glasgows

In ihrem neusten Buch muss die Bewährungshelferin einen mutmaßlichen Mörder betreuen. Krissie stellt eigene Ermittlungen an. Sie findet heraus: Der Beschuldigte hat im Alter von vier Jahren bereits etwas Traumatisches erlebt. Er hatte seine kleine Schwester aus Versehen getötet, das Baby in den Trockner gesteckt - wegen der nassen Windeln. "Was mich inspiriert sind Dinge, die denen ich denke: Oh Gott, wäre das nicht furchtbar?", sagt Fitzgerald. "Meine größte Angst war es immer, jemanden umzubringen. Nicht selbst umgebracht zu werden - das wäre auch schlimm -, sondern es zu tun, denn Schuld ist für mich ein großes Thema. Die katholische Erziehung eben. Den Gedanken, weggesperrt und bestraft zu werden, fand ich immer grauenhaft."

Ihr sarkastischer Schreibstil ist geprägt von der Stadt, in der sie lebt: Glasgow. Vor 20 Jahren kam Helen Fitzgerald wegen der Liebe aus dem sonnigen Australien ausgerechnet hierher. Eine bettelarme Stadt, mit einer der höchsten Kriminalitätsraten in ganz Europa. "Hier braucht man Humor zum Überleben", meint auch Helen Fitzgerald. "Sonst wäre es zu deprimierend. Das Wetter ist nicht großartig, es gibt viele Gründe, hier NICHT zu lachen. Aber die Leute benutzen diesen ganz speziellen rauhen Humor, um damit klar zu kommen." In Helen Fitzgeralds Romanen wird gemordet und zerstückelt - und trotzdem darf der Leser lachen, eine merkwürdige Mischung. In fünf Sprachen sind ihre Bücher schon erschienen, die Filmrechte an ihrem Debütroman sind bereits verkauft: Auch da spielt die Bewährungshelferin mit kleinen Charakterfehlern schon die Hauptrolle.

Mischung aus Thriller und Comedy

Zurzeit schreibt sie an ihrem fünften Buch. Früher hat sie Drehbücher verfasst - auch das merkt man ihrer rasanten Erzählweise an. Während sie von uns gefilmt wird, lässt sie gerade eine Protagonistin im Pool umkommen. Kurz, brutal - witzig. "Zuhause teilen mein Ehemann und ich uns ein Dachgeschossbüro mit nur einer kleinen Trennwand", erzählt Fitzgerald. "Wenn ich kichern muss, sagt er: Hör endlich auf, über deine eigenen Witze zu lachen. Ich weine sogar. Ich weiß, erbärmlich! Vor allem gegen Ende - wenn der Schluss naht und ich heule nicht, wird mir klar: Es ist noch nicht zu Ende!"

Die Krimi-Abteilung ist in der Gefängnis-Bibliothek übrigens am meisten nachgefragt. Und auch Fitzgeralds Bücher, diese eigenartige Mischung aus Thriller und Comedy, kommt bei den Häftlingen an. Kein Wunder, sie waren die Inspiration.

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