Diktatur der Monogamie?

"Drei" - der neue Film von Tom Tykwer

Simon und Hanna sind schon lange ein Paar, seit 20 Jahren. Und dann beginnen beide eine Affäre mit demselben fremden Mann, ohne es voneinander zu wissen. Tom Tykwers neuer Film "Drei" stellt alte Fragen auf eine neue, leichte und verspielte Weise.

Irgendwas scheint bei Hanna und Simon einfach gut zu laufen. "Die sind interessant füreinander, als Partner der Auseinandersetzung und des Gesprächs", meint Sophie Rois, die im Film die Hanna spielt. "Die belasten einander auch enorm, die sind immer noch interessant füreinander, weil sie ein Bewusstsein haben von sich und weil sie sich in Frage stellen." Dann kommt Adam ins Spiel. Der Dritte. Hanna verliebt sich.

Ohne Klischees

Das Absurde: Auch ihr Partner Simon lernt ihn kennen ... und verliebt sich ebenfalls in den Fremden. Tom Tykwers neuer Film "Drei" ist ein leichtes und witziges Gedankenspiel, das eigentlich uralte Fragen und Zweifel behandelt. "Dass unsere Idee von der Zweierbeziehung - bürgerliche Kleinfamilie - nicht das Amen in der Kirche und das letzte Wort in Bezug auf Beziehungsmodelle ist. Dass wir aber alle daran hängen. Wir klammern uns daran, weil man natürlich Angst hat vor allem anderen. Und ich hab auch keine besonders brillante Idee, wie es anders ginge."

Keine Antworten, aber doch ein Film, der Situationen durchspielt, ohne in Klischees abzurutschen. Er fragt: Wie kann eine Liebesbeziehung noch aussehen - außer so, wie man sie vor andern offenbar immer definieren muss. Wie frei können wir sein? "Die verhalten sich doch sehr erwachsen", meint Rois. "Deswegen taucht so etwas wie eine Art Freiheit auf, sich selber anders zu denken. Es stellt sich die Frage: Muss ich mein Leben immer in so einem Drama sehen, oder gibt es ein Leben jenseits der Erzählungen, die über uns existieren? Denn so wird es ja sonst im Film eigentlich nie erzählt."

Sie wollen sich - trotzdem

Die Liebe und ihre Probleme: Anfang, Ende, Neuanfang. Wie das alles am besten zu bewältigen ist, darauf bieten zahlreiche Analysen und Ratgeber Antworten. Doch selbst bei dieser Masse: Allem liegt doch meist die Annahme zugrunde, die monogame Zweierzelle sei das eigentliche Ziel. Können wir einfach nicht anders? Doch, behauptet ein kleines Traktat: "Das Lob der offenen Beziehung". Philosophisch durchaus plausibel zerlegt der Berliner Autor Oliver Schott die Norm Monogamie als paradox. "Der Hauptwiderspruch ist, dass Liebe und Sexualität als gute Dinge begriffen werden - Dinge, die schön sind und das Leben bereichern. Und dass trotzdem die zentrale Regel der Monogamie lautet, dass Liebe und Sexualität in allen Beziehungen außer einer einzigen verboten sein sollen", sagt Schott.

Obwohl Hanna und Simon ein Verhältnis mit Adam haben, gibt es in ihrer eigenen Beziehung nicht plötzlich weniger Liebe. Ihre Beziehung ist auch nicht weniger verbindlich. Im Gegenteil: Sie heiraten. Sie wollen sich. "Ich kenne sehr wohl Leute, die leben für jenseits dessen, was man so erzählen kann. Aber denen glaubt man zum Beispiel gar nicht", meint Sophie Rois. Ist freie Liebe eine echte Alternative? Aber gilt das Modell offene Beziehung nicht als längst gescheitert, zumindest als nicht massentauglich? Andererseits scheitern monogame Beziehungen ja auch andauernd: Ein Drittel aller Ehen in Deutschland wird wieder geschieden.

Modernes Märchen

"Wenn man sich an der Norm orientiert, fällt es einem leichter zu sagen: Ich hab Pech gehabt, das war nicht der Richtige'", so Oliver Schott. "Wenn man etwas macht, das nicht der Norm entspricht, muss man eher damit rechnen, dass einem gesagt wird: Ist ja kein Wunder, wenn du so komische Experimente machst." Doch was ist mit der Eifersucht in offenen Beziehungen? Wenn man erst mal wüsste, dass andere Beziehungen keine Bedrohung sind, sei das in den Griff zu bekommen, argumentiert Schott.

Auch im Tykwer-Film spielt dieses "niedere" Gefühl ganz einfach keine Rolle. Sophie Rois findet es toll, dass Eifersucht darin kein Thema ist: "Es muss nicht sein! Ich kann sehr eifersüchtig sein, nicht dass Sie denken, ich wäre da überlegen und frei. Das bin ich absolut nicht." "Drei" ist ein optimistischer Film - fast schon ein modernes Märchen. Allerdings mit Konsequenzen ...

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