Diktatur im Mikrokosmos

Martín Kohans beklemmender Roman "Sittenlehre"

Noch vor wenigen Jahren ein Geheimtipp für wenige Eingeweihte, ist der Autor Martín Kohan heute zu einem der berühmtesten und meistausgezeichneten Schriftsteller Argentiniens avanciert. Geheimnis seines Erfolgs ist seine überaus kunstvolle Fähigkeiten, aus dem kleinen, geschlossenen Mikrokosmos der nationalen Symbol- und Erinnerungsorte eine Art Radiogramm des heutigen Argentinien zu entwerfen.

Mehr als jeder andere Gegenwartsautor Argentiniens besitzt Kohan eine Art Röntgenblick. Meisterlich führt er dies in seinem neuesten Roman "Sittenlehre" vor. Die Handlung des Buches spielt 1982, im letzten Jahr der Militärdiktatur. Scheinbar kriegen wir von der Diktatur nichts mit, denn die Handlung spielt sich fast vollständig hinter den geschlossenen Mauern des "Colegio Nacional" ab, der Eliteschule des Landes schlechthin.

Politik im Kleinen, im Detail

Zur spanischen Kolonialzeit begründet, gingen aus ihr sämtliche argentinische National- und Unabhängikeitshelden hervor - und unter anderem auch der Schrifsteller Martín Kohan selbst, der dort in den letzten Jahren der Diktatur sein Abitur absolvierte. Aus der Perspektive einer kontrollsüchtigen Aufseherin, die auf dem Jungsklo die Schüler beim heimlichen Rauchen ertappen will, entspinnt Kohan ein beklemmendes Porträt der Überwachung, Körperfeindlichkeit, der latent und gewaltsam sexualisierten Doppelmoral des von den putschenden Militärs euphemistisch benannten "Prozess der nationalen Reorganisation".

So dringt nach und nach das Schicksal der "Verschwunden" und der Falkland-Krieg in den übelriechenden, engen Raum einer Schullatrine. "Mich interessieren nicht die großen Panoramaschwenks auf die Gesellschaft - das, was man 'politisch engagierte Literatur' nennt. Denn für mich ist das Packende an der Politik, dass sie in den kleinsten Details spürbar wird. Im engen Raum der Kabine eines Jungsklos sind die Repressionsmechanismen eine Diktatur präsenter, als in den großen politischen Diskursen ihrer Führer", so Kohan.

Fußball und Folter

Ein solcher Mikrokosmos ist in seinem vorherigen Roman "Zweimal Juni" das River-Plate-Stadio in Buenos Aires. Dort übertönt bei der Fußball-WM von 1978 der Jubel der tobenden Massen aus der gesamten Welt - die vor den Verbrechen der Diktatur die Augen verschloss und sogar Henry Kissinger als "persönlichen Freund der Videla-Junta" zum herzlichen Grüßen der Schlächter nach Buenos Aires schickte - die Greuelverbrechen der Junta, die nur weniger als ein Kilometer von dort entfernt, in der Marineschule ESMA, ihre zentralen Folterkeller und die Logistikzentrale ihres Terrors beherbergt.

Fußball und Folter - in rapiden Parallelmontagen Seite für Seite atemlos gegeneindergeschnitten: das mag experimentell und etwas bizarr wirken. Ein Trugschluss, so Martín Kohan. Denn wie er betont: "Der Fußball ist die Fortführung des Kriegs mit anderen Mitteln."

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