Durch Angst zum Glauben

Der neue Roman von Albert Ostermaier

"Es ist ein tödlicher Herpesvirus, äußerst selten, aber absolut tödlich. Ein halbes Jahr. Maximal." So lautet die Mitteilung einer Wissenschaftlerin. Was folgt: Todesangst, Verzweiflung, Skepsis, Widerstand bei dem betroffenen Klosterschüler, der die Ärztin auf Anraten seines Abtes aufgesucht hatte. Albert Ostermaiers Roman "Schwarze Sonne scheine" ist ein Buch über Missbrauch von Vertrauen und Glauben.

Die Diagnose der Ärztin trifft einen jungen Mann, der denkt, die Welt stünde ihm offen. Seine Eltern wollen, dass er ihre Firma übernimmt. Er aber will Schriftsteller werden. Der Benediktiner-Abt bestärkt ihn dabei. Er begleitet seine Lesungen mit Gitarre und Querflöte - Silvester heißt der Abt, Sebastian sein Schüler.

Kirche schafft Abhängigkeit

Silvester hat Sebastians Sinne für Kunst und Genuss geöffnet, bei gemeinsamen Ausstellungsbesuchen, auf Reisen, in guten Hotels und besten Restaurants, Sebastians Eltern bezahlen. Sebastian ist jetzt flügge, schickt sich an, sich selbstständig zu machen. Fürsorglich schickt ihn Silvester zu der Ärztin, die dann die Todes-Diagnose stellt. Sie stürzt Sebastian damit in eine psychische Zerreißprobe, von der er sich sein Leben lang nicht mehr erholen wird.

"Schwarze Sonne scheine" ist ein Tagebuch der Angst Es schildert einen Missbrauch, keinen sexuellen Missbrauch, sondern einen emotionalen. Missbrauch von Vertrauen. Dieser mit fiebriger Nervosität geschriebene Roman macht die Krise anschaulich, in der die katholische Kirche zur Zeit steckt. Sie predigt Erlösung, in der Wirklichkeit instrumentalisiert sie die Angst. Sie macht die Gläubigen nicht frei, sondern abhängig.

Berechnend, kalt, feige

Albert Ostermaier hat sich in diesem sprachmächtigen, manchmal auch sprachverliebten und offensichtlich durch eigene Erlebnisse motivierten Buch eine Obsession von der Seele geschrieben. Ein Alptraum, erschreckend realistisch, der kirchlichen Praxis nicht fern.

Gerade da, wo sie sich liberal gibt, weltoffen, genussfreudig, undogmatisch, erlebt Ostermaier die Kirche beziehungsweise ihre Vertreter als berechnend, kalt, feige - nicht an Menschen, sondern nur an der Erhaltung ihrer Macht und ihres Einflusses interessiert.

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