"Ein französischer Roman"

Frédéric Beigbeders kluger Blick auf die letzten 50 Jahre Frankreich

Der Abend hatte so gut angefangen. Bunte Cocktails, Mädchen in High Heels. Weißes Pulver auf einer Motorhaube: "Es amüsierte uns, dem Gesetz zu trotzen, wir lebten unter Prohibition, es war die Stunde des Ungehorsams..." Bis die Polizei auftauchte. Paris, Januar 2008: Frédéric Beigbeder, Frankreichs Star-Schriftsteller, wird wegen Koksens in der Öffentlichkeit verhaftet.

"Ich fühlte mich wie Günter Wallraff, wie ein investigativer Reporter," erinnert sich Beigbeder. "Ich war sehr froh, dass die Polizei mich verhaftete. Endlich passiert mal was Interessantes in meinem bürgerlichen Dasein. Ich hatte Handschellen an, an einem sehr geschlossenen, sehr engen Ort. Und nach ein paar Stunden war es schon etwas weniger lustig."

"1965 - das Ende des 19. Jahrhunderts"

Beigbeders Zelle ist "eine stinkende, tiefgekühlte Kloake". Zurückgeworfen auf sich selbst, will er Bilanz ziehen. Aber: Er kann sich an nichts erinnern. Er hat keine Ahnung, wo er in den ersten 15 Jahren seines Lebens war: "Die Erinnerung gleicht den Saketassen in manchen chinesischen Restaurants: Nach und nach erscheint eine nackte Frau auf dem Grund, die verschwindet, sobald die Schale leer ist. So ist es auch mit meiner verlorenen Kindheit." "Amnesie", meint Beigbeder, "ist etwas sehr französisches. Nach dem Krieg - wir waren ja ein besetztes Land -, in dem es Widerständler und Kollaborateure gab, da gab es sehr gute Gründe sich jahrelang auszuschweigen. Für die traditionellen, sehr religiösen und sehr wohlhabenden Familien ist das typisch: Man spricht nicht über seine Gefühle und Empfindungen, man gibt sich damit zufrieden, gute Tischmanieren zu haben."

Zwei Tage bleibt Beigbeder in seinem Käfig. Langsam tauchen Fragmente der Erinnerung auf: die Beigbeders, Landjunker von unermesslichem Reichtum. Die Tuberkulose-Sanatorien der Familie. Die Erfindung des Antibiotikums gegen Tuberkulose, die den Ruin bringt. Der kleine Frédéric in einem großen Haus. Angestellte, Chauffeur, Gärtner. "Wenn ich davon erzähle, kommt es mir vor, als würde ich von jemand anderem erzählen. Aber ich habe all das tatsächlich erlebt. Es ist also auch ein Buch über den Untergang Frankreichs als alte katholische, fast monarchistische Zivilisation. Als ich geboren wurde, 1965 - das war das Ende des 19. Jahrhunderts."

Umbrüche der letzen 50 Jahre

Das neue Zeitalter beginnt 1968. Für die Eltern: ein Befreiungsschlag. Bald lassen sie sich scheiden. Doch das Wort "Scheidung" wird niemals ausgesprochen. Schweigen eben. Auch das macht aus Beigbeders Geschichte einen "französischen Roman". "Ich wollte Ihnen diesen Ort zeigen," sagt Beigbeder und zeigt auf die Géode und das Pariser Wissenschaftmuseum, Architektur aus den sechziger Jahren, Tempel aus Stahl und Glas, "weil er mich ein bisschen an meine Eltern erinnert. Sie glaubten damals wirklich, dass das das Leben ist - solche Orte, sauber, glatt, mit geometrischen Formen. Sie glaubten an diese Utopie, sie glaubten, dass die kapitalistische, liberale, globalisierte Konsum-Gesellschaft etwas Wunderbares und ihr Leben wie 'Star Trek' sein werde. Stattdessen haben wir Arbeitslosigkeit, Aids, Wirtschaftskrise und das totale Desaster. Und nie hat man irgendwelche erhabenen Leute in Fahrstühlen gesehen, die sich auflösen und plötzlich irgendwo anders wieder auftauchen, all das existiert nicht."

Beigbeder ist witzig. Er kann nicht anders. Aber diesmal ist er auch ehrlich und nachdenklich. "Ein französischer Roman" ist eine persönliche Geschichte, aber auch ein Buch über die Umbrüche der letzen 50 Jahre. Es ist sein bestes Buch. Und seine Kindheit findet er am Ende der Haft auch wieder.

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