Ein Jahresrückblick auf 2011

Der erste Blick zurück

Bereits Entzugserscheinungen nach zwei Monaten geballtem TV-Jahresrückblicksterrors? Kein Gottschalk, Jauch oder Pilawa in Sicht? Macht nichts. aspekte erzählt ihnen jetzt schon, was Sie 2011 lieber nicht erlebt haben wollten. Wir haben Sie alle: die großen Triumphe und die bitteren Niederlagen. Wir berichten vom Literaturskandal des Jahres und decken auf, wie Wikileaks dieses Jahr die Kunstelite bloßstellt, wer den Oscar gewinnt und wie es mit dem deutschen Wutbürgertum weitergeht. Sie fanden, dass das Jahr 2010 schon schrecklich genug war? Dann warten Sie erstmal 2011 ab. Ein Rückblick auf das Kulturjahr, das andere erst noch vor sich haben.

Der "Große Schillerfalter" wurde Schmetterling des Jahres. Trotz seines feingeistigen Namens steht er auf Aas, Kot und Schweiß. Pilz des Jahres wurde der "Rote Gitterling", gänzlich ungenießbar, verführt aber durch seine feine Verwesungsnote. Dass die Blume des Jahres "Beinbrech" heißt, wundert da wohl niemanden mehr. Der Dramatiker des Jahres - Heinrich Kleist - ist bereits seit 200 Jahren tot, der Komponist des Jahres (Liszt) ist auch schon nicht mehr Max Frisch, nur die Schauspielerin des Jahres lebt noch. Aber wie gesagt, es war kein gutes Jahr.

"Mufti, Möse, Muezzin"

Januar: Schnee. In der Silvesternacht stürzen in Kalifornien tausende Vögel vom Himmel, Australien wird von der Sintflut getroffen und Deutschland verschwindet im Schneechaos. Das Feuilleton ignoriert die bösen Vorzeichen und bestaunt lieber das Sensationsdebüt der 14-jährigen Aysche Üzüntülü (Berlin, Neukölln): "Mufti, Möse, Muezzin", erschienen bei Suhrkamp. Schirrmacher spricht von einem "Geniestreich aus der Migranten-Hölle", Bild druckt vorab die feuchtesten Stellen ab. Sogar Alice Schwarzer lobt die türkisch-deutsche Autorin als "Frühreife Fackel des Feminismus".

Februar: Mehr Schnee. Die Berlinale wird wegen Tiefschnee abgesagt. Dieter Kosslick lächelt das Debakel tapfer weg. Immerhin hat er als Einziger schon alle Filme gesehen. Ach ja, Westerwelle tritt zurück. Bei den Oscars geht Von Donnersmarck leer aus. Nächstes Mal will er "irgendwas mit Nazis" drehen. Dafür triumphiert Sibel Kekilli als "Kopftuchmädchen" in "Die Fremde". Thilo Sarrazin fordert eine Erfolgsbeteiligung. Das sei schließlich sein Thema.

Wedding-Planer Westerwelle

März: Überschwemmung. In Deutschland taut es. Der Buchmarkt (Leipziger Buchmesse) hinkt wie üblich hinterher, preist Titel an wie Orhan Pamuk: "Noch mehr Schnee"; Martin Walser: "Die blutjunge Schneekönigin und der alte Mann"; Tom Tykwer: "Ein Dreier im Schnee. Das Buch zum Film"; Erika Steinbach: "Schnee, der auf deutsche Eichen fällt" (Politthriller); Michel Friedmann: "Schneegestöber. Die offizielle Autobiographie"; nur Elfriede Jelinek tanzt mal wieder aus die Reihe und veröffentlicht den Monolog "Zug um Zug. Das Stuttgart 21-Drama. Aus Sicht der Bahnhofstoilette". Bestsellerautorin Üzüntülü bekommt den Preis der Leipziger Buchmesse.

April: Erdrutsch. Die Traumhochzeit - Prinz William heiratet Kate Middleton - des Jahres: Westerwelles erste Bewährungsprobe als Wedding-Planner. ARD und ZDF übertragen live. Eine Woche lang. Durchgängig. Und selbstverständlich parallel. Bundeskanzlerin Merkel ruft die Bevölkerung auf, dem literarischen Wunderkind Üzüntülü bei der Integration zu helfen. Merkel: "Mit unserer Unterstützung kann sie es wirklich schaffen."

Elbphilharmonie ohne Bahnanschluss

Mai: Vulkan. Lena gewinnt den Eurovision Song Contest zum zweiten Mal. Kaum jemand bemerkt, dass sie mit demselben Song antritt. So gut ist ihre englische Aussprache geworden. Juni: Tsunami. Bernd Eichinger sichert sich die Filmrechte an Üzüntülüs "Jahrhundertwerk". Christine Neubauer übernimmt die Hauptrolle. Das Vertriebenendenkmal wird in Berlin eingeweiht. Erika Steinbach erklärt, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen seien rein zufällig. Christine Neubauer sagt: "Das ist das Vorgefühl zum Oscar." In Hamburg kommt es zu wütenden Protesten, als bekannt wird, dass die Elbphilharmonie doppelt so teuer wie "Stuttgart 21" wird, aber nicht mal einen Bahnanschluss hat.

Juli: In Bayreuth spielt das israelische Kammerorchester Wagner, und Christine Neubauer tanzt einen Liszt-Abend, allerdings mit Musik von Edvard Grieg. August: Hollywood zeigt sich zum 100. Geburtstag so originell wie lange nicht. Die Leinwandhits des Jahres: Alvin und die Chipmunks 3, Johnny English 2, Final Destination 5, Tron 2, Paranormal Activity 3, Scream 4, Cars 2, Twilight 4, Kung Fu Panda 2, Die Muppets 3, Planet der Affen 7, Transformers 3, X-Men 5, Happy Feet 2, Mission Impossible 4, The Hangover 2, Pirates of the Caribean 4. Und natürlich Harry Potter 7,5. In Deutschland läuft wenigstens Keinohrhasen 3. Das Kunstwerk des Jahres stammt von Ai WeiWei.

Buchmesse als eBook

September: Papa ante Portas. Benedikt XVI. hat sich zum Deutschlandbesuch angemeldet, die Caritas verteilt bereits im Vorfeld massenhaft Gratiskondome. Allerdings nur an männliche Prostituierte. Letztlich scheitert der Papstbesuch jedoch an der Weigerung seiner Heiligkeit, den Nacktscanner des Münchner Flughafens zu durchschreiten. Oktober: Die Frankfurter Buchmesse gibt es erstmals als eBook zum Runterladen. Die deutschen Literaturverlage wundern sich, warum kaum noch Besucher kommen. Der Friedensnobelpreis geht auch in diesem Jahr wieder an Liu Xioabo. Dazu das Nobelpreiskommitee: "Und zwar noch so oft, bis China den armen Mann endlich frei lässt."

November: Wikileaks enthüllt: Unter dem Kopftuch von Aysche Üzüntülü steckt mal wieder nur der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. Schwarzer nennt ihn daraufhin einen schmierigen Patriarchen. Christine Neubauer sagt die geplante Verfilmung ab, als Wallraff stehe sie nicht zur Verfügung. Sie sagt: "Den Anblick wollte ich dem Publikum ersparen." Dezember: China rächt sich am Nobelpreiskomitee, indem es heimlich die ganze EU aufkauft. Wegen des überraschenden Schneechaos' fällt das aber nicht weiter auf. Angela Merkel: "Es war ein gutes Jahr für Deutschland."

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