Ein Kino für den Frieden

Neue Hoffnung für Nahost

Zu dieser Eröffnung kamen sie alle: Ein riesiges internationales Medienaufgebot - zu einer Kinopremiere. Nach 23 Jahren des Verfalls wird das einzige Kino in Jenin im Westjordanland zu neuem Leben erweckt. Hinter dem Projekt steht eine bewegende Geschichte: 2005 wird der 11-jährige Ahmed im Flüchtlingslager Jenin von israelischen Soldaten erschossen. Sie hatten ein Spielzeuggewehr für echt gehalten. Ahmeds Vater, Ismael Khatib, entscheidet sich nicht für Rache.

Sensation in Israel

Er entscheidet sich für eine zutiefst menschliche Geste: Er spendet die Organe seines toten Sohnes an schwerkranke israelische Kinder, deren Leben durch die Transplantation gerettet werden kann. Zwei Jahre später besucht Ismael Khatib einige der Kinder, in denen, wie er sagt, sein Sohn weiterlebt.

Aus dieser Reise hat der deutsche Filmemacher Marcus Vetter einen preisgekrönten Dokumentarfilm gemacht: "Das Herz von Jenin". Ismael Khatib hatte als junger Mann während der Intifada, des palästinensischen Aufstands, gegen die israelische Besatzung gekämpft, Steine und Molotow-Cocktails geworfen. Insgesamt vier Jahre saß er dafür in israelischen Gefängnissen. Seine Entscheidung, dass aus dem sinnlosen Tod seines Sohnes etwas wie Versöhnung erwachsen möge, war in Israel eine Sensation.

Die Geschichte geht weiter

Ein Palästinenser von derart menschlicher Größe passte nicht zu ihrem Feindbild. "Mein Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres als einen Soldaten zu töten", erzählt Khatib im Film. In dessen Schlüsselszene besucht er die jüdisch-orthodoxe Familie, deren kleine Tochter eine Niere Ahmeds erhielt. Die gespenstische Begegnung der beiden Väter ist ein Blick in die Abgründe, die im Nahostkonflikt so schwer zu überwinden sind. Sie könnten sich verbunden fühlen - und können doch kaum miteinander reden.

Der leise Held des Films, Ismael Khatib, ist fast so etwas wie ein palästinensischer Gandhi geworden. Er leitet heute das "Cuneo Center for Peace" in Jenin, ein Jugendzentrum, das die italienische Stadt Cuneo gestiftet hat. Es soll Kinder und Jugendliche von der Straße holen. "Wir leisten Widerstand durch Bildung", sagt Khatib. Die Geschichte ging weiter - auch, als der Film abgedreht war: In Jenin gab es keine große Leinwand, um ihn vorzuführen. Das einst imposante Kino hatte mit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 den Betrieb eingestellt.

So entschlossen sich Vetter und Khatib, es wiederaufzubauen. Mit ihrem unermüdlichen Engagement und der Unterstützung von über 80 Sponsoren, mit Hilfe deutscher, palästinensischer und internationaler Freiwilliger ist es nun soweit. Ein "Kino für den Frieden" soll es sein - zeigen, dass Menschlichkeit Gräben überwinden kann und den Bewohnern des Flüchtlingslagers ein Stück Normalität ermöglichen. Es symbolisiert die Rückkehr der Kultur ins palästinensische Kriegsgebiet.

Großes Engagement

Doch längst geht das Projekt über das Kino hinaus. Es gibt außerdem ein Freiluft-Kino mit 1200 Plätzen, eine Galerie, ein Café und ein Gästehaus. Das Goethe-Institut richtet ein Mediencenter und Deutschkurse ein. Zusätzlich sollen eine Filmschule, ein Filmverleih und ein Studio für Synchronisation und Untertitelung entstehen. Das schaffe nicht nur Arbeitsplätze, sondern ermögliche den Palästinensern auch, ausländische Filme sehen und verstehen zu können.

"Jedes Kind hier hat in der Familie jemanden, der getötet oder dessen Haus zerstört wurde. Ich möchte, dass die Kinder sich nicht immer nur mit den Schrecken des Konflikts beschäftigen, sondern sich den positiven Seiten des Lebens zuwenden. Wenn wir etwa einen Film aus Deutschland oder aus Braslien zeigen und darin wird erzählt, wie die Menschen dort ihr Leben und ihre Probleme meistern, dann können die Leute hier vielleicht etwas daraus lernen und werden ermutigt, selber etwas Positives aus ihrem Leben zu machen", erklärt Fakhri Hamad, Leiter des Cinema Jenin.

Der Kreis schließt sich

"Dieses Kino-Projekt ist wie ein Vermächtnis meines toten Sohnes Ahmed. Mit seiner Geschichte hat alles begonnen, und das Kino wird für immer mit ihm verbunden sein", so Ismael Khatib. Am 5. August startet das Cinema Jenin mit einem dreitägigen Festival. Prominente Gäste wie die Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger werden erwartet - Pink Floyd-Mitglied Roger Waters hat einen Song zur Eröffnung geschrieben. Und ein Kreis schließt sich: Eröffnungsfilm ist das bewegende "Das Herz von Jenin".

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