Ein Land voller Banditen

Der russische Gangster-Roman "Nahe Null"

Irgendwo in Moskau. Ein ehrgeiziger und geschäftstüchtiger Verleger trifft zum Essen eine Journalistin, die Missstände enthüllen will. Er warnt sie, die Geschichte sei keine Kugel wert. Sie ist empört und entgegnet: "Ich hasse alle Mächtigen. Alle diese Gouverneure, Abgeordneten, Minister, Tschekisten und Bullen, die in Scharen den Thron umringen. Ich will Freiheit. Ich hasse sie."

Mann in einem Club in Moskau

"Sie hassen nicht die Macht. Sie hassen das Leben. Weil es nicht so ist, wie sie es gern hätten." Sätze aus einer unglaublichen Gangsterfiction, einer gnadenlosen Abrechnung mit der russischen Wirklichkeit. Doch wer steckt hinter Nathan Dubowitzki? Ein rebellischer Dissident? Ein US-amerikanischer Bestseller-Autor? Lange hat Moskau gerätselt. Jetzt ist die Wahrheit raus: Es handelt sich um literarische Grüße aus dem Kreml.

Dahinter steckt ein Kreml-Mächtiger

"Der Autor ist Wladislaw Surkow, die Nummer Drei in unserem Staat", sagt Schriftsteller Viktor Jerófejew im Interview."Es ist ein sehr starkes Buch von einem sehr starken Mann. Und niemand wird sagen, dass wir einen anderen Autoren in Russland finden können, der ein vergleichbares Buch schreiben kann." Der 46-jährige Surkow ist Vordenker, Chefideologe und smarter Strippenzieher im Herzen der Macht, mitten im Kreml. Sein Roman beschreibt präzise eine Welt voller Verachtung, Zynismus und skrupelloser Brutalität, in der nur das Recht des Stärkeren zählt. Motto: Gold wird aus Blei gemacht.

Viktor Jerófejew

Seinen Helden Jegor lässt er sagen: "Dreihundert Millionen Lakaien sind in Freiheit. Manche werden zu Islamkriegern, andere zu Journalisten und Finanziers. In der Freiheit verwilderte Lakaien sind lächerlich und blutrünstig. Sie werden gemein leben, gemein töten und gemein sterben und immer weiter um die Beute streiten." "Die Situation ist dramatisch", so Jerófejew. "Surkow zeigt in seinem Buch, dass all unsere Wünsche, die Situation zu verändern, hoffnungslos sind. Weil das Land voller Banditen ist. Alle Charaktere im Buch sind Banditen, die das Land manipulieren und die Intellektuellen sind hilflos und hoffnungslos die Intellektuellen sind hilflos und hoffnungslos und auch das Volk - es ist schrecklich."

Lebensart Korruption

Ein neuer Kafka im Kreml? Keineswegs. Wladislaw Surkow, die große Nummer im Machtgefüge, ist das Ergebnis exzellenter Bildung und völliger Prinzipienlosigkeit. Eine russische Nachwendekarriere: Der Sohn eines Tschetschenen dient im sowjetischen Militär als Auslandsspion. In den Jelzin-Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion arbeitet er als Leibwächter, Banker und Fernsehdirektor. 1999 steigt er zum Spindoctor von Wladimir Putin auf.

Er gilt als harter Verfechter der "gelenkten Demokratie". In seiner Freizeit aber textet und komponiert er heimlich für aufmüpfige Rockbands. Kostprobe: "Düstere Zeit, die Feiertage sind vorbei. Das sind die schwarzen Reiter. Die sind hinter mir her." In Surkows neureicher Welt ist alles käuflich. Macht, Moral und Menschen. Der Preis ist reine Verhandlungssache, ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Nur wer nichts hat, kann sich Moral leisten, aber nur mangels Möglichkeiten. "Korruption in Russland ist wie ein Fahrstuhl, der es einem erlaubt, nach oben zu kommen", so Jerófejew. "Wenn man ihn anhält, hält das Leben an. Surkow schreibt darüber in seinem Buch: Korruption ist eine Art, alles am Leben zu halten. Ohne sie und die organisierte Kriminalität würde das Land gelähmt."

"Nichts funktioniert hier"

Surkow, der Shakespeare- und Sartre-Liebhaber, ist kein Mann der Öffentlichkeit. Seine Autorenschaft als Kreml-Dichter hat er bis heute nicht offiziell bestätigt. Er schweigt. Angesichts der Armut vieler seiner Landsleute wäre das wohl selbst in Moskau zuviel Zynismus. "In Russland ist es so einfach, Pessimist zu sein", meint Jerófejew. "Man sagt einfach, alles sei schrecklich. Ich wollte jahrelang optimistisch sein. Jetzt sehe ich dafür keinen Grund mehr. In Russland gibt es so viele Probleme. Nichts funktioniert hier. Gehen Sie hin und sehen Sie es sich an: Nichts funktioniert. Es ist ein Wunder, dass die Leute überhaupt noch am Leben sind, besonders während dieser Krise."

Bleibt in dieser Krise nur die Flucht in den Roman. Genau so funktioniert das System Surkow. Der "Dritte Mann" im Kreml verantwortet nicht nur das russische Drama, er enthüllt auch das wahre Gesicht. Was für ein Drehbuch, was für ein Gangster-Stoff!

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