Ein neuer Blick aufs "Rößl"

Befreit vom klebrigen Folklore-Kitsch

"Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein" - wegen dieser und anderer Schnulzen liebt oder fürchtet man "Im Weißen Rößl". Die Operettenrevue mit Musik von Benatzky, Künneke und Robert Gilbert gilt als kitschig und trivial.

Entstanden ist sie Ende der 20er Jahre, um dem Musical Konkurrenz zu machen. Die Uraufführung im großen Schauspielhaus in Berlin mit 5000 Plätzen war ein Riesenspektakel mit 700 Mitwirkenden: Orchester, Chor, Kuhglocken, Jazzcombo, Zithergruppe, Feuerwehrkapelle. Ein Welterfolg: 650 Aufführungen in London, 230 in New York.

Noten der Originalfassung

Den Nazis missfiel das Werk wegen despektierlichen Umgangs mit Folklore. In der Nachkriegszeit wurde das "Rößl" zum Dauerbrenner der Sonntagnachmittags-Unterhaltung. Mehrmals verfilmt, unter anderem mit Johannes Heesters, Peter Alexander, vertanzt mit Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler. Aber das war eine gesoftete Version, seichter, plumper als die Originalfassung.

Nun inszeniert jemand das "Rößl", von dem man es am wenigsten erwartet hätte: Sebastian Baumgarten, der avantgardistischste, querköpfigste der gegenwärtig angesagten Opernregisseure. Im nächsten Sommer wird er in Bayreuth "Tannhäuser" inszenieren. Er greift auf die Noten der Originalfassung zurück, die überraschend 2009 in Zagreb gefunden wurden und einen neuen Blick auf das "Rößl" möglich machen.

Kraftvoll durch Parodie

Das Stück ist gewitzter als sein Ruf. In dieser Operette parodiert sich die Operette selbst - beziehungsweise die Operettenhaftigkeit der damaligen Gesellschaft. "Das ist der Zauber der Saison, da trägt die Landschaft Zinsen" - so wird der alpenländische Tourismus gefeiert. Die ironisierte Invasion der Deutschen am Wolfgangsee, wenige Jahre später wurde sie im "Anschluss" brutal wiederholt und ein Satz des Berliner Fabrikanten Gisecke im Stück entpuppt sich als sarkastische Prophetie: "Nächstens jodelt man sich hier noch dot."

Aber keine Angst, Sebastian Baumgarten liefert jetzt in Berlin keine besserwesserisch ideologiekritische Lesart. Im Gegenteil: Er spielt das "Weiße Rößl" vom Blatt, aber genau dadurch macht er es wieder erträglich, befreit es vom klebrigen Folklore-Kitsch, gibt ihm seine parodistische Kraft zurück.

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