Ein schöner Traum

Königsberg soll in alter Pracht wiedererstehen

Das alte Königsberg ist auferstanden - am Computer. Maßstabsgetreu, mit allen Details der Originalbauten gezeichnet - in dem Stilmix aus vielen Jahrhunderten, der die stolze preußische Stadt auszeichnet. Und genauso soll sie, wenn es nach den Plänen von Arthur Sarnitz geht, jetzt wieder entstehen. Jedes Haus, jedes Geschäft, mit Balkonen, Erkern und Fassadenschmuck.

Arthur Sarnitz ist Architekt in Kaliningrad, wie die Stadt seit 1946 genannt wird. Der Wiederaufbau soll das Lebenswerk des 45-Jährigen werden, der in der Stadt geboren wurde. Seit fünf Jahren arbeitet er bereits an der Realisierung der Pläne. Ungezählte Aufnahmen, Zeichnungen, Dokumente und Geschichten hat er gesammelt und digitalisiert.

Schlendern, leben!

So ist nun wieder ein exaktes Gesamtbild der damals zertrümmerten Stadt entstanden. "Da die Stadt meine Heimat ist, möchte ich ihr die vergangene Schönheit wieder zurückgeben", sagt Sarnitz. "Sie muss mit moderner Technik und mit höchster Treue zu den alten Plänen aufgebaut werden. Dabei wollen wir nicht einfach die alte Stadt neu entwickeln, sondern die Umgebung auch neu entdecken. Mit gemütlichen Gassen, in den man schlendern, in denen man leben kann. Denn alte Bauten gibt es bei uns nur noch wenige, an der Peripherie."

Zuerst hatten britische Bomber die Stadt Königsberg mit Luftangriffen kurz vor Kriegsende zertrümmert, bevor die Rote Armee ihr den Rest gab. Kaum ein Haus blieb heil. Die Ruinen dienten sowjetischen Filmemachern noch Jahre später als Kulisse für Produktionen über die Heldentaten der Roten Armee - bevor 1965 die letzten alten Bauten gesprengt wurden.

Wenige Zeugnisse des einstigen Wohlstands

Beim Blick auf die von breiten Straßen zerschnittene Altstadt fällt mittendrin der Königsberger Dom ins Auge. Von sozialistischen Symbolen eingerahmt, ist der gotische Bau bereits wiederaufgebaut worden. Finanziert aus Deutschland. Das einzige historische Gebäude in der Innenstadt, das an die lange Geschichte, an Kultur und Wissenschaft erinnert. Am Stadtrand des heutigen Kaliningrads prunkt eine Allee mit alten Villen aus deutscher Zeit. Es sind die einzigen erhaltenen Wohnbauten. Sie zeugen vom bürgerlichen Wohlstand der Königsberger Elite. Doch auch diese Villen vergammeln, sind unbewohnt oder stehen zum Verkauf. Trostlose Erinnerungsstücke. Zur Renovierung fehlen Geld und auch Bewusstsein.

Der Stadtplaner Wadim Jeremejew hat Kaliningrad mit aufgebaut. Und: er ist gegen die "neue Altstadt": "Wir können in solchen alten Städten heute nicht mehr leben. Unsere sowjetischen Standards haben uns damals vorgeschrieben, nicht so dicht zu bebauen. Wir brauchten mehr Raum für Verkehr und Transport und wollten ein eigenes Stadtgesicht. Natürlich bedauern wir, dass durch den Krieg die Stadt verloren war. Doch die alte Architektur passt hier nicht mehr hinein. Das werden billige Kopien alter Häuser, umgeben von Neubauten. Zu welchem Zweck?" Jeremejews größtes Werk, das Haus des sowjetischen Rates im Zentrum, erfüllt allerdings auch keinen Zweck, es steht seit vielen Jahren leer.

Drang nach Westen

Sozialistische Architektur im Stadtbild von Kaliningrad. Nicht gerade ansehnlich. Weiträumig gebaut - gewiss. Doch schlecht und schlicht zusammengeschustert wie sie sind, verfallen auch diese Häuser. Ohne kriegerische Gewalt. Bei deren Anblick wird der Wunsch nach Schönheit verständlich. Und der neue Drang nach Westen im ehemaligen Königsberg: Kaliningrad liegt dichter an Berlin als an Moskau. Nur 160 Kilometer westlich liegt Danzig, vorbildlich restauriert und doch modern.

Das wirkt faszinierend auf die Kaliningrader, die ihre Stadt inzwischen gern wieder Königsberg nennen. Trotz orthodoxer Tempel im Zentrum, die ja in Russland wieder neuen Glanz erleben. "Kaliningrad hat eine interessante Geschichte und ist eine europäische Stadt", sagt Nikolaj Zukanow, der Gouverneur der Stadt. "Deshalb muss Kaliningrad auch eine europäische Architektur haben. Auch die heutigen Bürger fühlen sich als Europäer. Deshalb sind wir verpflichtet, die Stadt wieder aufzubauen und sie zu dem zu machen, was sie war. Die Kosten dafür kann ich noch nicht schätzen. Aber wenn sich die Idee durchsetzt, werden sich auch Investoren aus ganz Europa finden, die dieses Projekt unterstützen."

Denkmal und Zeitgeist zugleich

Die Architekten wollen schon im kommenden Frühjahr damit beginnen. Sie schaffen mit ihren Plänen für eine neue Altstadt mehr als nur ein Denkmal. Sie treffen den Zeitgeist. Denn der Name Königsberg wird gern wieder verwendet. "Wir sind eine russische Insel in Europa. Wenn ich über Kaliningrad als Heimat spreche, meine ich, die Stadt ist auch Heimat für diejenigen, die sie wegen des Krieges verlassen mussten", sagt Arthur Sarnitz. "Es ist Zeit, diese Steine aus der ganzen Welt zu sammeln. Und dafür hoffe ich auf viel Unterstützung." Die wird er brauchen, denn in Kaliningrad reicht das Geld bisher kaum für die Renovierung der alten Häuser. Die Pläne des Architekten werden deshalb wohl noch lange ein Traum bleiben, ein schöner allerdings.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet