Ein weißer Strich auf der Berliner Mauer

Vorgeschichte und Folgen einer Kunstaktion

Es ist der 3. November 1986 - ein kühler Novembermorgen in Berlin. Mitten in Kreuzberg, am Mariannenplatz, starten Wolfram Hasch, Frank Willmann, Jürgen Onißeit, Thomas Onißeit und Frank Schuster eine ungewöhnliche Aktion. Die fünf jungen Künstler sind alle ehemalige DDR-Bürger und erst vor wenigen Monaten in den Westen gereist. Galten in der DDR als Punks, als Unangepasste, die Bürger, Polizei und Stasi provozierten.

Die fünf stört, dass die Mauer im Westen vermehrt als Graffitiwand und nicht mehr als Begrenzung wahrgenommen wird. Sie fordern, dass die Berliner Mauer wieder als Grenze in das Bewusstsein der Bürger zurückkehren soll. Mit Gipsmasken getarnt beginnen die fünf deshalb ihre Kunstperformance: Sie ziehen einen weißen Strich über die Berliner Westmauerbemalung. Alles läuft nach Plan - vorerst.

Das Unfassbare geschieht

Gegen Mittag passieren sie den ersten Grenzübergang, ohne den Strich zu unterbrechen. Um 14.30 Uhr sind sie am Checkpoint Charlie, Erinnerungen von Frank Willlmann: "14.33 Uhr - wir überqueren den Checkpoint Charlie in Windeseile. Ebenso schnell eilen drei Offiziere von der östlichen Seite uns entgegen, verharren fassungslos vor unserem Strich." Die Offiziere beschlagnahmen zwei Farbeimer und eine Malerrolle. Passanten bleiben ungläubig stehen, können mit dem weißen Strich nicht so recht etwas anfangen. Dennoch sind die fünf Künstler in ihrem nächtlichen Zeltlager im Tiergarten zufrieden mit ihrem ersten Aktionstag. Am Dienstag, den 4. November 1986 malern vorerst nur drei Akteure weiter: Frank Willmann, Wolfram Hasch und Jürgen Onißeit. Sie haben das Ziel schon vor Augen, das Brandenburger Tor ist nur noch wenige hundert Meter entfernt.

Als sich plötzlich eine Tür in der Mauer öffnet und drei Grenzaufklärer in das vorgelagerte Hoheitsgebiet, einem rund vier bis fünf Meter breiten Streifen auf der Westseite vor der Mauer, treten. Frank Willmann und Jürgen Onißeit reagieren blitzschnell und fliehen, Wolfram Hasch verharrt. Er wird verhaftet, wird den Behörden in der DDR vorgeführt und landet wegen "ungesetzlichem Grenzübertritt in schwerem Fall" im Gefängnis in Bautzen II. Seine Strafe: ein Jahr und acht Monate plus einer Reststrafe aus der DDR von 18 Monaten sowie ein lebenslanges Einreiseverbot in der DDR. Die Begründung der Staatsanwaltschaft ist klar: "Demonstratives Bemalen der Grenzsicherungsanlagen entgegen dem tatsächlichen Verlauf mit einer weißen Linie." Nicht nur Wolfram Hasch ist mehr als fassungslos. Die vier anderen Künstler versuchen alles, um ihren Freund aus der Haft zu bekommen - doch vergeblich. Erst die Bundesregierung schafft es, den jungen Künstler am 18. Juni 1987 freizukaufen.

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