"Eine Atmosphäre als sei alles schon immer da gewesen"

Als 21-Jähriger startet Vervoordt seine beispiellose Karriere mit dem Kauf einer ganzen Straße im Renaissancestil in seiner Heimatstadt Antwerpen. Dies war sein Einstieg in die Restauration. Heute richtet er die Häuser von Superreichen, Royals und Rockstars ein. Vervoordt ist in der ganzen Welt beratend unterwegs. Prinz Charles gehört ebenso zu seiner Klientel wie Calvin Klein.

"Ich entdecke die Seele des Hauses."

Ein edler Stilmix aus Mobiliar, Objekten und Kunstwerken aller Epochen ist sein Markenzeichen. Doch der Schlüssel seines Erfolges liegt nicht im Verkauf von Gegenständen, sondern in der Entwicklung von Persönlichkeit: "Ich entdecke die Seele des Hauses und schaffe eine Verbindung zwischen dieser und den Bewohnern. Das ist der Unterschied zum Dekorateur, der zwar ein Haus schön macht, aber nicht die Seele versorgt." Bei unserem Besuch treffen wir auf den belgischen Geschäftsmann Thomas Leysen, der mit alten und neuen Technologien Millionenumsätze macht. Vervoordt wird auch für ihn ein Haus einrichten.


1984 kaufte der heute 63-Jährige das mittelalterliche Wasserschloss `s-Gravenwezel - ein mittelalterliches Kasteel mit vorgebauter Barock-Fassade. Dort lebt er gemeinsam mit seiner Frau May. "Für mich ist es ein Traumort. Er hat sehr viel positive Energie. Das Haus gibt es schon tausend Jahre. Am Anfang dachte ich, ich könnte es nie besitzen, nur sein Verwalter sein." Lediglich fünf Stunden Schlaf gönnen sich die Vervoordts täglich. Denn so ein Schloss mit 30 Zimmern, einem weitläufigen Park auf 140 Hektar Land, Blumen- und Kräutergärten, der alten Orangerie als Rückzugsraum und der neuen Orangerie für Feste und Empfänge wollen gehegt und gepflegt sein.

Das Vergängliche als Komplize

Ein kleiner Hofstaat mit Koch, Concierge, Gärtner und Chauffeur tut sein bestes, um den hohen Ansprüchen des Schlossherrn zu genügen. Die Rollen zwischen Vervoordt und seiner Frau sind traditionell: "May kümmert sich um das Vergängliche, also das Essen oder die Blumen. Ich befasse mich mit der Restaurierung des Gebäudes."


Die private Kunstsammlung von Axel Vervoordt ist im Schloss zu bewundern. Da sieht man Arte Povera und ZERO-Kunst neben ägyptischen Statuen und japanischer Kalligraphie. Auf das Arbeitszimmer mit englischen Massivmöbeln aus dem 19. Jahrhundert und Gemälden "Alter Meister" folgt die Bibliothek - einer Wunderkammer gleich. Über dem Kaminsims hängt ein Bild von Lucio Fontana. Ein Pokal aus Elfenbein aus dem 17. Jahrhundert und ein achthundert Jahre alter Mönchskopf stehen im Regal. Das Sofa ist mit einem abgewetzten Samtbezug bezogen. Die Werke wählt der Hausherr nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten aus. Jedes Stück hat seine Geschichte und spirituelle Kraft. Ob es ansehnlich ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle: "Was heißt schon 'schön'? Die Zeit ist auch ein Künstler und verändert Gegenstände. Es sieht aus wie abstrakte Kunst. Die Schönheit des Imperfekten."

Ying und Yang - Gegensätze vereinen

Zwar dürfen Kunstwerke ihre zufälligen Spuren der Zeit hinterlassen, doch in der Gestaltung der Hauseinrichtung gibt es nichts, was nicht komponiert und durchdacht wurde. Die Tapete ist handbemalt, fehlende Teile wurden ausgebessert. Die geometrischen Muster des Parketts passen zur geistigen Arbeit im Büro.

Funktionsgegenstände wie Lichtschalter werden sorgfältig mit Wandfarbe übertüncht und sind für das bloße Auge kaum sichtbar. Ein männlicher Akt in Stein gehauen trifft auf eine lilafarbene Rhododendronblüte aus dem eigenen Garten. Alles in Axel Vervoordts Schloss befindet sich in harmonischem Einklang. Die Zen Philosophie, der fließende Übergang von Ying und Yang, dient ihm als Quelle der Inspiration.

Mit dem Architekten Tatsuro Miki arbeitet Vervoordt gerade an einem Buch über "Wabi" - eine japanischen Ästhetik, die fernöstliches Denken mit lokalen Gegebenheiten verbindet. In einer versteckten Ecke des Schlossparks werden wir Beobachter eines Materialexperiments mit japanischer Tusche und belgischer Erde. Vervoordts Streben gilt der Verbindung von östlichem und westlichem Denken.

Familienbetrieb der Superlative

Für Robert de Niro entwirft er gerade ein Penthouse im Wabi-Stil. Ein Weg für Axel Vervoordt, der Wegwerfgesellschaft etwas entgegen zu setzen: "Wir werden es mit regionalen Materialien gestalten. Steine, die schon mal benutzt worden sind oder angeschwemmtes Holz. Hier verfolgen wir das Konzept der Wiederverwertung von Dingen."


Zu Vervoordts kleinem Imperium gehören sechzig Mitarbeiter. Im nahegelegenen "Kaanal", einer ehemaligen Mälzerei, keine fünfzehn Minuten vom Schloss entfernt, arbeiten die Kunsthistoriker, Architekten und Restauratoren an vierzig Projekten gleichzeitig. Auch den ältesten Sohn, Boris Vervoordt, der kürzlich das Management des Familienunternehmens übernommen hat, kann man dort antreffen. Wie sein Vater mag auch er nicht den autoritären Chef spielen: "Ich will diese Verantwortung, aber ich sehe mich nicht als Boss, sondern als Coach im Team. Das ist eine ähnliche Rolle, wie die meines Vaters, aber seine ist klarer definiert. Er war immer der Mentor der Company."

Meister aller Klassen

Mentor seiner Mitarbeiter, Doktor seiner Kunden und Spezialist des schönen Wohnens - seit jüngster Zeit ist Axel Vervoordt auch Choreograph der Künste. Der Meister aller Klassen beeindruckte die Kunstwelt als Kurator mit seinen Ausstellungen "Arttempo" (2007) und "In-Finitum" (2009) im Palazzo Fortuny zur Biennale von Venedig. Für den Herbst bereitet er gerade eine Einzelshow mit einem seiner Lieblingskünstler, dem flämischen Zero-Maler Jef Verheyen vor.

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