Eine Frau im Afghanistankrieg

Dirk Kurbjuweits Roman "Kriegsbraut"

Der Journalist und Schriftsteller Dirk Kurbjuweit, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, hat mit "Die Kriegsbraut" den ersten deutschen Roman über den Afghanistankrieg geschrieben. Die "Kriegsbraut" ist eine junge Frau, die sich freiwillig für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan meldet.

Was treibt eine kluge, attraktive junge Frau dazu, sich für einen lebensgefährlichen Einsatz zur Verfügung zu stellen? Esther, die Heldin des Romans macht das nicht aus patriotischen Gefühlen. Sie sucht nach einer Aufgabe. Sie will ihr Leben ändern. "Esther ist eine verzweifelte Frau", erläutert Dirk Kurbjuweit. "Sie hat eine innere Leere, weil sie in ihren Beziehungen gescheitert ist. Sie ist sportlich, sie ist abenteuerlustig und dann fällt ihr ein, warum nicht zur Bundeswehr?"

Frauen in einer extremen Männerwelt

Erst seit zehn Jahren dürfen Frauen bei der Bundeswehr an der Waffe dienen. Sie sind dabei, die letzte Männerbastion zu erobern. Nur 190 Soldatinnen sind in Afghanistan stationiert. Über sie weiß man kaum etwas. So gut wie nie gibt die Bundeswehr Genehmigungen für Interviews. Doch der Journalist Dirk Kurbjuweit hat lange mit zwei dieser Frauen gesprochen - inoffiziell, versteht sich. Auf ihren Erfahrungen beruht sein Roman, es ist der erste zu diesem Thema in Deutschland. "Die Bundeswehr ist eine extreme Männerwelt, bisher nur von Männer dominiert", sagt Kurbjuweit, "und jetzt kommen Frauen da hin und sollen auch Soldaten sein, sollen auch Krieger sein. Das ist eine große Herausforderung. Das zu beobachten, hat mich auch sehr gereizt."

Wie die Mehrheit der Soldaten, so darf auch Esther das Lager nicht verlassen. Die Deutschen leben verschanzt hinter hohen Sicherheitszäunen. Zu groß ist die Angst vor den Taliban. Zu Hause, in der Heimat, hatte sich Esther in Afghanistan ein großes Abenteuer versprochen. Doch nun ist sie schon wieder gelangweilt von der öden Routine im Lager.

Tabu Sexismus

Journalistisch geschult wie er ist, schildert Kurbjuweit das Soldatenleben mit großer Könnerschaft. Auch das, was die Bundeswehr lieber verschweigt: die sexuellen Spannungen zwischen männlichen und weiblichen Soldaten und das oft anzügliche Verhalten der Männer. Sie betrachten die Frauen als Freiwild. "Die Soldatinnen haben mir erzählt, welcher Sexismus von den Männern dort herrscht", so Kurbjuweit, "ich glaube, dass das auch ein Tabu ist, dass die Bundeswehr nicht möchte, dass darüber gesprochen wird, auch weil diese Soldaten oder fast alle Soldaten, Angehörige zuhause haben, dies ich Sorgen machen: Kommt mein Mann, kommt meine Frau heil zurück. Aber es könnte auch die andere Sorge sein; Was läuft da eigentlich in dem Lager?"

Endlich bekommt Esther die Chance, aus dem langweiligen Lager heraus zu kommen. Alle zwei Wochen darf sie an Patrouillenfahrten teilnehmen und kommt in Berührung mit dem fremden, gefährlichen Land. Ihr Ziel ist eine Schule in den Bergen. Sie soll sicherstellen, dass die Mädchen aus dem Dorf den Unterricht besuchen können. Genau das wollen die Taliban verhindern. Esther begegnet dem Schuldirektor - sie ist fasziniert von dem rätselhaften, kultivierten Afghanen und verliebt sich in ihn. Zugegeben, die Liebesgeschichte klingt kitschig, sie ist es aber nicht.

"Gleichgültigleit ist Verrat an Soldaten"

Zumal Esther bald von der Realität des Krieges eingeholt wird. Ihr Konvoi gerät in einen Hinterhalt der Taliban. Esther ruft einen amerikanischen Kampfhubschrauber zur Hilfe - und nimmt dabei in Kauf, dass bei seinem Einsatz Zivilisten sterben. "Sie war in einer gefährlichen Lage, sie wollte sich und ihren verwundeten Kameraden schützen, also hat sie Hilfe gerufen", sagt Kurbjuweit, "diese Hilfe konnte nur aus der Luft kommen, und dabei sind Menschen gestorben, die nicht hätten sterben dürfen."

Angesichts der vielen toten Soldaten und Zivilisten hat Kurbjuweit durchaus Zweifel am deutschen Einsatzes in Afghanistan. Und doch glaubt er, die Bundeswehr müsse bleiben, weil sie Verantwortung für das Land und seine Menschen übernommen habe. Der deutschen Bevölkerung wirft er vor, sie sei gleichgültig, sie wolle von dem Einsatz nichts mehr wissen: "Das finde ich in gewisser Weise auch einen Verrat an den Soldaten dort, denn die halten ja den Kopf hin für eine Sache, die das von uns gewählte Parlament beschlossen hat."

Opfer werden - oder Täter

Kurbjuweit bekämpft mit seinem Roman die deutsche Verdrängung. Sein Trick: die weibliche Heldin. Denn Esther ist frei von soldatischem Macho-Tum und damit die ideale Identifikationsfigur für den Leser zuhause. Durch sie kann man sich vorstellen, wie es ist, in Afghanistan Soldat zu sein - immer in Gefahr, Opfer zu werden oder Täter. Denn wer in den Krieg zieht, muss damit rechnen, schuldig zu werden - das lernt man aus dem Roman.

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