Es fehlt jemand

"Verschwunden" - Das Buch zum Fotoprojekt "ausencias"

Es ist die Leere, die schockiert, in den Fotos von Gustavo Germano. Da sind alte Bilder mit glücklichen Menschen und dann dieselbe Szene, 30 Jahre später, doch es fehlt etwas. Jemand fehlt.

Wie kann ein Mensch einfach so verschwinden? Zur Zeit der Militärdiktatur (1976-1983) in Argentinien wurden 30.000 Menschen verschleppt, gefoltert, ermordet. Heute weiß man: Viele wurden betäubt und aus Flugzeugen ins Meer geworfen, andere mit Beton übergossen und vergraben.

Nicht vergessen

Der Anblick unzähliger Namen von Verschollenen auf den Innenseiten der Buchdeckel lässt einen das Ausmaß erahnen. Die Fotografien von Gustavo Germano zeigen Menschen und einen Augenblick ihres Lebens. Es sind Momentaufnahmen von Familien und Freunden. Ihre Lebensgeschichten tauchen nicht im Geschichtsbuch auf und doch erklären sie das unbegreifliche Schicksal dieser Menschen besser als alles andere: Ein geliebter Mensch bleibt verschollen - fehlt für immer denen, die zurück bleiben.

Doch die nicht endende Suche der Angehörigen geht weiter. Ihre Forderung nach weiterer historischer Aufarbeitung ist nicht mehr zu überhören. "ausencias" ist die Fotoausstellung zum Buch. Ihre Botschaft ist es, nicht zu vergessen. Begleitet werden Gustavo Germanos Bilder von den kurzen Biografien der Verschollenen und ihrer Hinterbliebenen - dazu Gedichte und Texte verstorbener argentinischer Literaturlegenden wie Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, die sich mit den grausamen Verbrechen der Militärjunta auseinandersetzen.

Verschleppungen, Ermordungen

Ausgelöschte Identitäten

Auch Juan Gelman, argentinischer Dichter, Journalist und Schriftsteller widmet sich auf berührende Art und Weise diesem Thema und erzählt seine Geschichte. Sein Schicksal ist eines von Tausenden. Gelmans Sohn, Marcelo, und dessen im achten Monat schwangere Frau, María Claudia, verschwinden am 24. August 1976 spurlos. Über zehn Jahre dauert die Suche nach den Verschollenen.



Zeugenaussagen belegen, dass zwei Monate nach der Verschleppung Kisten aus Lastwagen in einen Kanal geworfen werden. Ihr Inhalt: Sand und einzementierte Körperteile. Die Polizei lässt die Überbleibsel der Leichen sogleich auf dem Friedhof von San Fernando namenlos verscharren. Dort findet man 1989 auch die Überreste von Marcelo. Heute ist bekannt, dass María Claudia und Marcelo im Rahmen der "Operation Condor" entführt, in ein Folterzentrum verschleppt und ermordet wurden. Das Mädchen, das in Gefangenschaft unter den widrigsten Umständen zur Welt kommt, wird vom leitenden Polizeikommissar adoptiert.
Die systematische Aneignung von Kindern, die in Folterzentren zur Welt kommen, ist zur Zeit der Militärjunta keine Seltenheit. Die Identitäten der Gefangenen werden durch diese illegalen Adoptionen vollständig ausgelöscht. Vierundzwanzig Jahre nach der Entführung seines Sohnes findet der Dichter Juan Gelman in Uruguay endlich seine Enkelin, María Macarena.

Irma Ferreira stirbt 1977 im Kugelhagel der Militärjunta. Als Mitglied der Montoneros, einer links-revolutionären Organisation Lateinamerikas, die in den 70er Jahren auch Attentate verübte, taucht sie mit Mann und Sohn unter. Ein Jahr später sterben Irma und ihr Mann in den Trümmern eines Gebäudes, das vom Militär bombardiert und vollständig zerstört wird. Ihr Sohn, der wie durch ein Wunder überlebt, wird von ihrer Schwester Susana aufgezogen und ist heute Mitglied der regionalen Gemeinschaft "Söhne und Töchter für die Identität und die Gerechtigkeit, gegen das Vergessen und das Schweigen" (H.I.J.O.S.). Die zurückgebliebene Schwester Susana blickt heute alleine in die Kamera von von Gustavo Germano. Das Lachen ist ihr vergangen. Ihre kleine Schwester fehlt - Susana bleibt zurück. Da wo einst Irma lachte, bleibt nur Leere.

Schmerz der Hinterbliebenen

Auch der älteste Bruder des Fotografen Gustavo Germanos verschwindet 1976 spurlos. Heute weiß man, dass er - ein Mitglied der Montoneros - von den argentinischen Militärs entführt, in einer geheimen Haftanstalt festgehalten, gefoltert und ermordet wurde. Übrig bleibt nur ein Foto, das noch alle vier Brüder zeigt und nun in dem Buch "Verschwunden" neben den anderen 14 Bildpaaren zu finden ist. Um seinen Schmerz und den der anderen Hinterbliebenen sichtbar zu machen, hat Gustavo Germano das Fotoprojekt "ausencias" verwirklicht. Es ist auch und vor allem ein Buch über das Leben danach.

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