"Europa? Europa ist doch gar nichts!"

Schriftsteller Rafael Chirbes über Spaniens kurze Pracht - und den Niedergang

So lange ist es noch nicht her: Spanien Weltmeister! Es war ein Triumph, zugleich Erlösung und - ein Funken Hoffung. Denn Spanien ist Schlusslicht in Europa. 1,5 Millionen Bau-Ruinen, 20 Prozent Arbeitslose, die Produktion liegt am Boden. Es gibt kein nennenswertes Wachstum und keine Perspektiven.

Als Spanien 1986 gemeinsam mit Portugal in die EG aufgenommen wurde, war es noch arm und hatte gerade eine Diktatur hinter sich. Europa machte Spanien reich. Aber der Reichtum entpuppte sich zum großen Teil als Blase - vor allem des boomenden Bausektors. Übrigens wesentlich finanziert mit Geld aus Deutschland. So ähnlich wie die Immobilienblase in den USA platzte auch die in Spanien. Die Banken gaben keine Kredite mehr. Die Wirtschaft sackte in den Keller der Konjunktur. Und auch die Stimmung. Denn nun heißt es Sparen, Sparen, Sparen.

Auf Pump gekauft und gekauft

Über die Gier und die Fantastereien in seinem Land sprechen wir mit Rafael Chirbes, einem der bekanntesten Schriftsteller Spaniens. Sein Wunsch für den Treffpunkt ist die neue "Stadt der Künste und Wissenschaften" in Valencia. Sie ist symptomatisch für die Krise, wie er meint: "Diese Anlage ist ein Beispiel für die Zügellosigkeit, die man in Spanien jahrelang gelebt und gebaut hat - ein kurzer Moment der Pracht, der unendlich zu sein schien. Ein Beispiel dieser substanzlosen 'Zeitgenössigkeit' der Städte, ihrem Drang, etwas 'irgendwie Emblematisches' zu erschaffen. Oftmals sind das leere Hüllen." Diese "Stadt der Künste und Wissenschaften" in Valencia - ein Entwurf des Stararchitekten Santiago Calatrava - hat die Bürger der Stadt auf Generationen ruiniert. Und: Das letzte Gebäude ist noch nicht mal fertig, es fehlt an Geld.

Schon 2007 erschien Chirbes' Roman "Krematorium" - eine empfehlenswerte Lektüre und eine bittere Prophezeiung über Boom, Gier, Korruption und Verfall von Heimat in seinem Land. "Hier haben doch alle, auch die kleinen Leute, gedacht, jetzt kommt der dauerhafte Reichtum", sagt Chirbes. "Sie haben alles auf Pump gekauft, Grundstücke, Häuser, sind auf Pump in den Puff gegangen, haben auf Pump geheiratet. Es ging hier jahrelang zu wie in einer neuen Europa sozialer Werte, ein Europa derer, denen am Monatsende das Geld fehlt?

"PIGS" raus aus Europa?

Und womit fing das alles an? Was waren die Auslöser, die Ursprünge der Krise? "Dieser sogenannte 'Boom' begann mit der Einführung des Euros", sagt Chirbes. "Spanien war ja auf dem Weg zum 'Altersheim Europas'. Vierzig Millionen deutsche Rentner schienen im Anmarsch, und fünf Millionen Holländer und so weiter. Für all die 'musste' man ja bauen." Und modernisiert haben die wie die Neureichen: Auch in der Provinz. Dort entstanden absurde Straßenprojekte, Renovierungen, Neubauten. Und Lokal-Politiker setzten sich selbst mit Verkehrskreiseln bizzare Denkmäler. "Das ist Barock", meint Chirbes, "eine Periode mit kaum Substanz, in der Form, Aussehen und Sprache alles sind. Heute hat man mehr denn je eine virtuelle Welt erschaffen. Man hat Werte durch Rhetorik ersetzt."

Was geschieht nun in Europa, wie reagiert man auf die Krise? "Wir erleben eine Periode, in der Rechte und soziale Errungenschaften massiv abgeschafft werden - egal ob dies Frau Merkel mit ihrem Liberalismus macht oder Herr Zapatero mit seinem linken Redeschwall", sagt Chirbes. "Überhaupt - Europa? Europa ist doch gar nichts! Von welchem Europa reden wir denn eigentlich? Wollen wir das Europa von Siemens? Das von Hugo Boss? Oder das von Armani? Oder aber wollen wir das Europa sozialer Werte, ein Europa derer, denen am Monatsende das Geld fehlt?"

Stadion statt Spieler

Und Europas längerfristige Zukunft? "Die Ideen richten sich doch nach den Interessen", meint Chirbes, "und in dem Maße, in dem sich die Interessen Europas vernetzen, wird es ein gemeinsames Europa geben. Aber gerade stellt man ja 'überrascht' fest, dass die Interessen so gemeinsam gar nicht sind. Klar, natürlich kann das alles politisch nur in Brüssel gelöst werden. Aber klar ist auch, dann schmeißen sie uns vielleicht raus, uns, die sogenannten "PIGS" - Portugal, Italien, Griechenland, Spanien. Denn wir kosten ja nur - und dann haben wir wieder Pesetas als Währung und diese grässlichen Wachhunde an der Grenze nach Frankreich."

Zum Abschluss führt Chirbes uns zu einer riesigen Bauruine mitten in der Stadt: "Und dies hier, naja, das sollte das zukünftige Fußballstadion des FC Valencia werden. Das alte Stadion wollte man dafür verkaufen, noch während des Immobilienhypes. Das hat aber dann nicht mehr geklappt. Nun fehlt das Geld. Die Baustelle liegt auf Eis. Und man hat doch tatsächlich einige der besten Spieler verkauft, um Geld in die Bau-Kasse zu kriegen! Das ist doch so, als wenn man die Braut verkauft, um das Hochzeitskleid zu erwerben."

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