Exzess und Rausch

Expressionismus-Ausstellung in Darmstadt

Ekstase und Leidenschaft in den Zwanziger Jahren: Anita Berber ist die Lady Gaga ihrer Zeit, lebt den Exzess, verbrennt im Rausch. Eine ihrer Performances nennt die Nackttänzerin "Kokain". Ein Dichter schreibt, sie tanzt den Koitus. Der Maler Ott Dix macht aus ihr eine Ikone.

Kokain bringt auch heute noch Künstler zu Fall. Damals ist es Treibstoff einer Kunstavantgarde, die in Ekstase und Rausch ihr Heil sucht. Hergestellt als Medikament von Merck in Darmstadt. Dort, auf der Mathildenhöhe, läuft eine Ausstellung, die ein ehrgeiziges Ziel hat: Den Expressionismus als "Gesamtkunstwerk" zeigen - jene Stilrichtung, die den unmittelbaren Ausdruck wollte, ungebremste künstlerische Leidenschaft und Rückbesinnung auf das Primitive.

Zusammenspiel der Künste

"Wir wollen hier nicht weniger, als den Expressionismus neu entdecken, jenseits von Malerei und Holzschnitt, von Brücke und blauem Reiter", so beschreibt es der Direktor Mathildenhöhe, Ralf Beil. Es geht um das Zusammenspiel der Künste: Literatur, Theater, Film, Architektur und eben Tanz. Zu entdecken gibt es neben Anita Berber auch Mary Wigman, die den Ausdruckstanz prägte. Oder die Ganzköperkostüme von Lavinia Schulz. Ihre Performances erinnern an die spätere Bauhaus-Variante. Am offensichtlichsten greifen die Künste im Film ineinander. Wenn zum Beispiel ein Grafiker für "Genuine" das Bühnenbild entwirft.

Vom selben Regisseur, Robert Wiene, ist das bekannteste Beispiel expressionistischer Filmsprache: "Das Kabinett des Dr Caligari". Die Geschichte vom Schausteller und dem Nachtwandler macht die Stilmittel des Expressionismus für die Massen zugänglich. Ein Riesenerfolg. Auch die Architektur wird in der Ausstellung in das "Gesamtkunstwerk Expressionismus" einverleibt - mit den utopischen Ideen vom neuen Menschen und Weltbaumeister wie Erich Mendelsohns ekstatischer Formgebung für den Einsteinturm in Potsdam. Bruno Taut baut 1914 ein Glashaus, das den Hass begraben soll. Aus dem Traum von der Weltherrschaft der Kunst wird das Trauma der Zerstörung im ersten Weltkrieg. Zahlreiche Künstler - nicht alle Expressionisten, melden sich freiwillig. Wer an der Front nicht stirbt, verliert viel von seiner utopischen Energie.

"Zwischen Traum und Trauma"

Künstler wie Lehmbruck oder Ernst Ludwig Kirchner verarbeiten ihre Kriegserlebnisse. Gleichzeitig kommt wieder die Sehnsucht auf nach einer neuen, besseren Welt. "Es ist ein einmaliger Moment in der Geschichte, dass zwischen Traum und Trauma - quasi ästhetischer Synästhesie, dem Krieg und dem Versuch, einen neuen Menschen zu schaffen nach dem ersten Weltkrieg - eine ungeheure Bereitschaft für Zusammenarbeit da war", sagt Ralf Beil.

1919 bringt der Architekt Rudolf Belling mit der Raumskulptur "Dreiklang" synästhetisch Hören und Sehen zusammen. Ob man der mutigen These des Expressionismus als Gesamtkunstwerk folgt oder nicht - als opulente Materialsammlung ist die Ausstellung gelungen. Und sie bietet Anlass, sich wie im Film "Doktor Mabuse" zu fragen, wie man zum Expressionismus steht.

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