Falsche Meister

Der Kölner Expressionisten-Skandal

Deutschlands Kunstszene ist in Aufruhr: Bis zu 20 falsche Expressionisten-Gemälde soll ein Trio seit 1995 in Umlauf gebracht haben. Darunter auch das "Rote Bild mit Pferden". 2,4 Millionen Euro hatte das Bild 2006 auf einer Auktion gebracht. Es war ein Preisrekord.

Heinrich Campendonk, der Expressionist aus dem Rheinland, hatte es gemalt - dachte man. Was ist es heute wert? Es ist eines von über 20 zweifelhaften Bildern der Klassischen Moderne.

Eine "Sammlung Jägers" gab es nie

In Umlauf gebracht haben diese Bilder wahrscheinlich zwei Frauen, die über Jahre unter anderem beim Kölner Auktionshaus Lempertz ein- und ausgegangen sind und dort Bilder haben versteigern lassen, so auch den Campendonk. "Sie sind ausgesprochen nobel, korrekt und angenehm aufgetreten", erinnert sich Henrik Hanstein, Geschäftsführer des Kunsthauses Lempertz. "Sie erzählten immer, dass sie diese Bilder Ende der 80er Jahre von ihrem Großvater geerbt hätten, mit dem jahrzehntelang wegen einer Scheidung kein Kontakt bestanden hätte. Kurz vor seinem Tod hätten sie die Bilder von ihrem Großvater übernommen."

Den Großvater, Werner Jägers, gab es - die Sammlung offensichtlich nicht. 1992 war Jägers gestorben. Seine Enkelinnen schmiedeten dann wohl ihren Plan: Kunstwerke, die verschollen waren, also einmal existiert hatten, neu zu malen und sie, als Teile der angeblichen Sammlung Jägers, Auktionshäusern anzubieten. Werke von berühmten Künstlern wie Max Ernst, Max Pechstein oder eben Campendonk. Auch Christies in London ist sehr wahrscheinlich darauf reingefallen und hat zwei vermeintliche Bilder von Campendonk versteigert.

Bilder und Provenienzen gefälscht

Die Staatsanwaltschaft in Köln gibt nur spärliche Informationen. Drei von fünf Verdächtigen der Bande sind bisher festgenommen worden. Tino Seesko von der Staatsanwaltschaft Köln erläutert das Verfahren: "Es geht um den Verdacht, dass die Beschuldigten Bilder und die entsprechenden Provenienzen, also die Herkunftsnachweise, gefälscht haben, um auf diese Weise die gefälschten Bilder verkaufen zu können - unter Einschaltung von Auktionshäusern.

Ralph Jentsch ist Kunsthistoriker und ein Experte, der die Suche nach der Wahrheit mit ins Rollen gebracht hatte. Er spricht von 28 Bildern, die aus dem Kreis der Fälscherbande stammen. Nicht etwa die Vorderseite hat ihn stutzig gemacht. Er hat auf der Rückseite der Bilder gefälschte Aufkleber entdeckt, auch bei dem Campendonk. "Als ich das Label sah, war mir sofort klar, dass es gefälscht ist", so Ralph Jentsch. "Es gibt kein Sammlungslabel mit Portrait von Alfred Flechtheim. Da war es naheliegend, von den gefälschten Labels auf die Vorderseite der Bilder zu schließen. Dass, wenn die Labels nicht echt sind, die Bilder auch nicht echt sind."

Verblüffend einfache Fälschungstechnik

Die Bande war offensichtlich so geschickt, dass sie Werke gefälscht hat, deren Originale verschwunden waren und die teilweise sogar in Katalogen der Galerie Alfred Flechtheim aufgeführt waren - so wie der Campendonk "Rotes Bild mit Pferden". "Das Bild war tatsächlich bei Felchtheim ausgestellt, aber nur mit dem Titel", sagt Jentsch. "Wenn es jemand drauf hat, einen Campendonk zu malen, dann muss man nur noch die falschen Aufkleber draufmachen und fertig ist eine Fälschung." Die Fälschungstechnik war wohl verblüffend einfach. Sie haben teilweise aus existierenden Zeichnungen oder Aquarellen - zum Beispiel von Pechstein - Ölgemälde gemacht - so auch beim "liegenden Akt mit Katze".

Gekauft hat das Bild Wolfgang Henze, Kunsthändler aus Bern. Er sieht sich nicht nur von den Fälschern betrogen, sondern wirft auch dem Auktionshaus Lempertz vor, nicht sorgfältig genug gewesen zu sein: "Wenn eine solche Sammlung als Provenienz angegeben wird, muss man sich darauf verlassen können, dass derjenige, der diese Sammlung nennt, überprüft hat, ob es diese Sammlung gegeben hat."

Zu leichtes Spiel

"Wir haben das schon intensiv befragt", widerspricht Henrik Hanstein. "Und ich gehe davon aus, dass unsere Kollegen in London, die ja zuerst Bilder von Jägers publiziert haben, mit dieser Provenienz, das auch getan haben." So bezieht sich einer auf den anderen. Die Kollegen aus London, Christie's, hatten 1995 erstmals ein Bild aus der vermeintlichen Sammlung Jägers versteigert. Die Fälscherbande benutzte Auktionshäuser wie Christie's und Lempertz, um die Herkunft der Bilder zu untermauern.

"Ich will in diesem Fall wissen, wer es war und möchte wissen, welche Gesamtkonsequenzen der Fall hat", sagt Kunsthändler Henze, "ich glaube, es ist besser für den gesamten Kunsthandel, wenn es jetzt ein Ende mit Schrecken gibt, statt ein Schrecken ohne Ende." Doch das Ende ist im aktuellen Skandal noch nicht absehbar. Henze und der Käufer des Campendonk-Bildes wollen von Lempertz ihr Geld zurück. Das müssen jetzt Gerichte klären. Bei explodierenden Preisen und einem Kunsthandel, der mehr als "diskret" ist, haben "gute" Fälscher manchmal vielleicht zu leichtes Spiel.

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